Verführerische Sünde
Schokolade ist der kleine Luxus des Alltags. Besonders die dunklen Variationen, Halb- oder Edelbitter, haben viele Liebhaber. Doch der Genuss wird noch getoppt: Dunkle Schokolade ist nämlich gesund. Allerdings nur in Maßen, leider. // Von Stephanie Silber
Die dünne Folie knistert und raschelt, bis der Schatz endlich
frei gelegt ist. Fast schwarz und samtig glänzend liegt sie
im Silber verborgen – dunkle Schokolade, Sinnlichkeit pur.
Ihr Geheimnis sind die Gegensätze, herb und süß,
zart und bitter. Wie das Leben. Spätestens seit Juliette Binoche
in dem Film „Chocolat“ mit ihren verführerischen
Pralinen- und Kakaokreationen nicht nur Johnny Depp um den Verstand,
sondern auch eine erotische Prise in die eingeschlafenen Ehen des
Dorfes brachte, erlebt dunkle Schokolade eine Renaissance.
Die Erfüllung der Göttinnen
Herrenschokolade wurde sie früher genannt, und die Sache war klar: Hochprozentigen Schokogenuss gab es nur für das männliche Familienoberhaupt. Doch inzwischen gilt: Was Herren gut tut, ist Damen gerade recht. Seit 2001 ist der Umsatz-Anteil der Bitterschokoladen von 8 auf 18 Prozent gestiegen. Sie hat einen Kakaoanteil von mindestens 60 Prozent, „pur“ kommt sie sogar auf 98 bis 100 Prozent. Wie viel Kakao in der Schokolade steckt, sagt allerdings noch nichts über die Qualität der Süßigkeit aus, vielmehr spielen die Kakaosorte und die Verarbeitung eine entscheidende Rolle.
Wird der Kakaobaum „Speise der Götter“ (Theobroma cacao) genannt, so ist Schokolade die Erfüllung der Göttinnen, die es sich mit Bademantel, einem guten Buch und eins, zwei Riegeln auf dem Sofa gemütlich machen. Ein schlechtes Gewissen ist dabei nicht angebracht, denn was Genießerinnen schon immer heimlich ahnten, ist nun Gewissheit: Schokolade ist gesund. In Maßen allerdings nur, leider. Wissenschaftler der Universität Köln wiesen den Blutdruck senkenden Effekt stark kakaohaltiger Schokolade nach. Versuchspersonen mit erhöhtem Blutdruck aßen 18 Wochen lang täglich ein kleines Stück Halbbitterschokolade. Zum einen sank der Blutdruck der Probanden, zum anderen hatten weniger Teilnehmer am Ende der Studie überhaupt erhöhte Werte. Dieser positive Effekt liegt an den so genannten Flavanolen, ein Pflanzenstoff aus der Kakaobohne.
Auch andere gute Bestandteile, vor allem Mineralstoffe, stecken in Schokolade. Doch ist in der Regel mindestens eine Tafel nötig, um auch nur einen Teil des empfohlenen Tagesbedarfs zu decken. Und wer kann sich das schon erlauben? Magnesium ist die Ausnahme. In 100 Gramm dunkler Schokolade stecken ungfähr 300 Milligramm des Minerals. Der Tagesbedarf eines Erwachsenen liegt zwischen 300 und 400 Milligramm.
Die Kunst der Verkostung
Schon unsere Vorfahren wussten um den gesunden Effekt der braunen Süßigkeit: Als Schokolade zu Beginn des 17. Jahrhunderts nach Deutschland kam, wurde sie als Medizin und Stärkungsmittel ausschließlich in Apotheken verkauft. Inzwischen eröffnen vielerorts kleine Konfiserien und Pattiserien, um mit phantasievollen Kreationen wie Chili-Pralinen mit Rosenwasser zu locken. Der süßen Lust sind keine Grenzen gesetzt.
Doch Schokolade ist nicht nur Genussmittel. Wer die Kunst der Verkostung beherrscht, kann sein Image als Connoisseur pflegen. Nach dem Auspacken der feinen Tafel sollte man ein bisschen daran schnüffeln, die Stirn in Falten legen und Worte wie „würzig“ oder „ein bisschen Moos, aber auch Pilz“ murmeln, um dann mit Bestimmtheit auszurufen: „Eine Criollo-Bohne, könnte ein Canoabo sein, Venezuela.“ Die Autorin Jutta Gay erzählt in ihrem empfehlenswerten Buch „Schokolade – ein Genuss“ vom Geheimnis und der Kunst der richtigen Verkostung. Mit ein bisschen Training könne der Geruchs- und Geschmackssinn beim Genießen von Schokolade mehr als 500 verschiedene Aromen ausmachen. Bis es so weit ist, lohnt es sich allerdings, nicht nur den Geruchs- und Geschmackssinn zu trainieren. Schließlich soll der Genuss keine gewichtige Reue bringen.
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