Cosmia natürlich schön
 
Cosmia 5/2008

<< Sanfte Pflege für die raue Schale Bernd Salamon

Kolumne

Bernd Salamon (30) ist Journalist und Redakteur beim Fußball-Magazin „kicker“. Er lebt mit seiner Frau und Tochter Lilli (sechs Monate alt) in Nürnberg.

Von Gesichtscreme und echten Kerlen

Prima, endlich haben Annouk und Peter mal wieder zu einem ihrer berühmten Abende eingeladen. Das ist immer supernett, weil das Essen äußerst lecker und der Rotwein schön süß ist. So mag ich ihn. Außerdem sind immer viele Leute da und diskutieren die aktuellen Aufreger: Jan ist wieder mit Melli und nicht mehr mit Lena zusammen, Lauras Vortrag kam super an und Mark will mal wieder kündigen, Josie fand’s klasse auf Korsika und Chris regt sich wie immer über politische Konstellationen auf, die eh nicht zu ändern sind.

Irgendwann denke ich mir, ich steuere auch mal einen klugen Beitrag bei. Also verkünde ich das Ergebnis einer Studie, die ich morgens zufällig beim HNO-Arzt gelesen habe: 70 Prozent der 18- bis 49-jährigen Männer interessieren sich mehr für Gesichtspflege als für Computer.

Tanja schreckt auf. „Nicht schon wieder“, seufzt sie und schaut mich an, als hätte ich George Bush für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. „Das halt’ ich nicht aus.“ „Wieso?“, fragt Tim, ihr Immer-mal-wieder-Freund, „ist doch spannend.“ „Spannend?“, raunzt sie ihn an, „was ist daran spannend? Überall hört man solche Geschichten. Ihr Männer werdet immer weicher. Gibt es denn inzwischen überhaupt noch richtige Kerle?“

Drei simple Zahlen haben einen wunden Punkt getroffen. Die Fehde ist eröffnet. Jeder gegen jeden. „Ist doch toll, dass wir auch Hausmann sein dürfen“, sagt beispielsweise Mark. „Quatsch, ich brauche jemanden, zu dem ich hochgucken kann“, entgegnet Tanja. „Männer unterdrücken ihre emotionale Seite viel zu oft“, findet Annouk. „Na, das ist aber auch gut so“, meint Jan. Die Argumente fliegen so schnell durchs Wohnzimmer, wie der kleine weiße Ball übers Tischtennisnetz.

Nach zwei Stunden und noch zwei Gläsern Rotem wird mir das Ausmaß meiner Bemerkung bewusst: Die ganze Echte-Männer-Nummer funktioniert nicht mehr. Heute ist alles anders. Frauen werden Bundeskanzler, Männer werden Fernsehkoch. Frauen gewinnen die Fußball-WM, Männer passen auf die Kinder auf. Frauen machen Heiratsanträge, Männer tragen Brautkleider. Männer waschen sich sogar häufiger die Haare, sagt eine andere Studie. Frauen finden Schlips und Kragen schick, Männer rosa. Frauen haben die Fernbedienung, Männer schauen sich freiwillig „Desperate Housewives“ an. Frauen haben Freunde nur fürs Bett. Männer wollen über die Beziehung reden. Mütter überlegen, ob sie ihrer Tochter lieber einen Bagger zum Spielen geben als eine Puppe. Väter lieben ihre Söhne auch, wenn sie den Bagger links liegen lassen.

„Das ist doch verrückt“, findet Tanja. Finde ich nicht. Mir gefällt der Gedanke. Warum darf nicht jeder das machen, was er will? Warum darf sich die Frau emanzipieren und der Mann nicht? Warum werfen wir nicht alle Klischees über Bord und denken uns neue aus, schlüpfen aus unseren Rollen? Bis zwei Uhr morgens habe ich die meisten im Raum auf meiner Seite. Nur Tanja nicht, sie plädiert noch immer für echte Kerle.

Beim allgemeinen Aufbruch verabreden wir Männer uns für den nächsten Mittwoch zum Champions-League-Gucken. Da sagt Tanja zu Tim: „Du kannst Mittwoch aber nicht, da beginnt doch unser Tanzkurs.“ Komisch, denke ich, echte Kerle gucken bestimmt lieber Fußball als einen Tanzkurs zu besuchen. Ich sage aber nichts. Tim ruft mir zu, er schaffe es locker zur zweiten Halbzeit. Prima, antworte ich. Und bring Tanja mit! Dann sieht sie endlich mal wieder ein paar echte Kerle...

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