Wandern als Therapie für Körper und Seele
Bewegung in der Natur hat nicht nur Tradition, sondern auch Zukunft: Kaum ein Sport wirkt so präventiv und zugleich therapeutisch wie Wandern. // Von Rainer Brämer
Die Zeiten, in denen man sich kaum als Wanderer zu outen wagte, sind vorbei. Was vor Jahren noch verstaubt nach Knickerbockern, Gamsbart-Hütchen und Heimatliedern roch, vermittelt in unserer immer stressigeren Hightechwelt geradezu ein Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit. Statt in Cyberräumen herumzusegeln, ist bei vielen Zeitgenossen wieder das Vagabundieren in Echtzeit und Echtraum gefragt: Wandern bringt‘s. Nach Befragungen des Meinungsforschungsinstituts Allensbach bekennt sich weit über die Hälfte aller Bundesbürger dazu, jeder fünfte davon macht sich sogar häufig auf die Beine. Vierzig Prozent wünschen sich, öfter als bisher auf Schusters Rappen unterwegs zu sein.
Sanft nach innen und außen
Was bewegt derart viele Menschen dazu, Sneaker gegen Wanderschuhe einzutauschen? Kaum ein Outdoorsport geht sensibler und sanfter mit der Natur um. Doch dahinter verbirgt sich noch eine Menge mehr: Man erlebt seine Umwelt im Optimum aller angeborenen Sinne und Kräfte und befriedigt damit gleich eine ganze Reihe moderner Bedürfnisse. Die optimale Mischung aus Naturgenuss, moderater Bewegung, physischem und psychischem Wohlbefinden, Entdeckerfreude und menschlicher Nähe lässt einen wieder zu sich selber finden. Und das alles ohne den Stress maschinenträchtiger Fitness-Tempel. Das Tolle dabei: Gesundheit wird nebenbei und gratis mitgeliefert.
Gesundmacher Nr.1: Moderate Ausdauer
Dass es sich hierbei nicht nur um subjektive Glaubenssätze bekennender Wanderer handelt, macht ein Blick in die Wissenschaft deutlich. Die hat nämlich in jüngster Zeit eine Vielfalt von Erkenntnissen geliefert, die den sanften Natursport Wandern auch objektiv in einem neuen Licht erscheinen lässt. Allem voran ist es die Sportmedizin, die sich angesichts der immer fragwürdigeren Folgen des Leistungssports den gesünderen Ausdauersportarten zuwendet. So hat sie speziell beim Wandern all das entdeckt, was der gestresste Otto Normalverbraucher zu seinem Wohlbefinden braucht: Natürliche Bewegungsformen, gesundes Umfeld, körperliche Herausforderung und seelische Entspannung.
Eine zentrale Bedeutung kommt dem Umstand zu, dass, wie etliche Studien zeigten, Gesundheit und Lebensdauer des Menschen vor allem von seinem körperlichen Energieverbrauch abhängen. Wer pro Woche allein für Bewegung runde 2000 Kilokalorien verbrennt, erkrankt im Schnitt seltener, erholt sich schneller und lebt länger als der Bewegungsmuffel. Dabei scheint es nicht darauf anzukommen, in welcher Form die Bewegungskalorien verausgabt werden. Gartenarbeit ist so gut wie Treppensteigen, Arbeit in der Firma tut es genauso wie im Haushalt. Leider reichen die alltäglichen Aktivitäten in der modernen Welt normalerweise nicht mehr aus. Wir müssen zusätzlich etwas tun, um unser Bewegungskonto zu füllen.
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