Pfiffiges
Design
für das grüne Wohnzimmer
Lange Zeit wurde der Balkon von Designern eher stiefmütterlich behandelt. Das hat sich glücklicherweise geändert, wie die Kölner Möbelmesse zeigte. // Von Peter Steinhauer
Der Balkon ist vielleicht der einzige Ort in der modernen Wohnung, der bis jetzt von großen Designinvasionen verschont geblieben ist. Während gerade in den letzten Jahren vor allem Küche und Bad zu wahren Lustobjekten moderner Inneneinrichter geworden sind, ist der Balkon immer noch Design-Brachland. Jasper Morrsion hat gerade mal ein bescheidenes Vogelhäuschen entworfen. Phillip Stark oder Marcel Wanders haben zwar Klosettschüsseln, Mülleimer und Einkaufstaschen gestaltet. Auf den Balkon scheinen die Designstars aber keine rechte Lust zu haben. Vielleicht empfindet das coole Designpublikum es auch einfach nur zu piefig, auf dem Balkon zu sitzen und die Geranien zu gießen. Da träumt man dann lieber weiter von der weitläufigen Dachterrasse oder dem parkähnlichen Grundstück auf dem Lande.
Leider aber haben die meisten Designfreaks dann doch nur eine Stadtwohnung in einem der üblichen Szenebezirke und müssen bei Frischluftverlangen raus auf den Balkon. Sich dort aufzuhalten macht momentan allerdings nicht so richtig Spaß. Es ist eng. Oft hat sich eine gewisse Verwahrlosung ausgebreitet. Da türmt sich das Leergut, lagern die Laufschuhe in der Ecke zum Entmiefen.
Allerdings sollte man gerade die Öden und Brachen des modernen Lebens nicht unterschätzen. Denn hier sind einfach nur noch nicht alle Ideen durchgespielt. Das konnte man auf der diesjährigen Möbelmesse in Köln sehr gut beobachten. Gleich zwei Designtalente sorgten mit dem Thema Balkon für Gesprächsstoff. Michael Hilgers aus Berlin hat sich mit seiner jungen Firma Rephorm auf Gestaltungsideen für städtische Balkonanlagen spezialisiert. Seine Produkte zeichnen sich durch moderne Gestaltung und Materialien sowie durch möglichst einfache Handhabung aus. Fast alle Rephorm-Produkte nutzen die auf dem Balkon vorgefundenen Strukturen, um sich dort anzuhängen oder festzuklemmen. Der Blumenbehälter Steckling zum Beispiel wird einfach auf das Balkongeländer gesetzt. Dort sitzt er sicher und fest. Der Steckling ist zusätzlich mit Rankhilfen aufrüstbar. Sobald die ihre Blumenpracht tragen, hat man einen eleganten Sichtschutz vor dem ja nicht automatisch sympathischen Nachbar-Balkonianer. Auch die Balkonleuchte lässt sich ohne Werkzeug am Geländer befestigen. Hilgers Sonnenschirm braucht keinen im Weg stehenden kiloschweren Betonfuß, sondern wird zwischen Boden und Decke eingeklemmt.
Auch der Produktdesigner, Illustrator und Comiczeichner Christian Lessing aus Düsseldorf hat sich des Platzproblems auf Balkonien angenommen. Er hat ein modulares Möbelsystem entwickelt, das an jede Brüstung passt. In das Grundelement lassen sich Tisch, Sitz oder Pflanzbehälter einhaken. Bei Bedarf können die Einzelelemente wieder weggeklappt werden. So kann man stilvoll an der frischen Luft sitzen, frühstücken und gärtnern. Lessing hat mit dem „Garden Window“ selbst eine Pflanzenlösung für Wohnungen ganz ohne Balkon im Programm. Das Gestell kann man mit geringem Aufwand ins Fenster hängen. Auf einer oder zwei Stufen lassen sich Töpfe für Blumen oder Kräuter unterbringen. Man kann so zum Beispiel einen Küchengarten beackern oder sich einfach nur ein wenig grüne Aussicht verschaffen.
Die beiden Beispiele Rephorm und Lessing zeigen: Modernes Design macht den oft vernachlässigten Stadtbalkon zu einem Ort, an dem man sich gerne aufhält. Michael Hilgers von Rephorm sieht den Balkon als „architektonisches Anhängsel, der sich in ein grünes Wohnzimmer verwandeln lässt“. Der Balkon ist keine ungenutzte Brache mehr, sondern wird Teil des modern gestalteten Wohnensembles. –
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