
Tango Argentino – Freiheit, die man tanzen kann
Dieser Tanz hat viel mit Persönlichkeit zu tun. Außerdem hält tanzen fit und macht kreativ – aber das spielt nur eine Nebenrolle auf der gefühlvollen Tango-Bühne. // Von Dr. Gerhild Schulz
Sind sie Ihnen schon aufgefallen? Schick gekleidete Menschen, die in der Dämmerung mit schwingenden Beuteln in Hinterhöfen verschwinden? Leise Musik, eine Tür, über der in roten Lettern „Tango“ steht, dahinter Paare, in inniger Umarmung dahingleitend.
Argentinischer Tango ist Trend. Kein Wunder: Tanzen ist ein geniales Gegengift, gegen den stressigen Büroalltag und Alternative zu einsamen Individual-Sportarten. Tango ist Bewegung ohne Leistungsdruck, Berührung – und dabei weit bewegender, als sein schwül-erotisches Etikett es verheißt – und außerdem Begegnung, Beziehungsarbeit auf hohem Niveau. In vielen Städten kann man täglich ausgehen und hervorragenden Unterricht nehmen. Und das Angebot wächst. Das tolle daran: Niemand muss als Tänzer geboren sein, um mitzumachen, denn im Kern ist Tango Gehen.
Nichts für Machos
Freiheit ist schon im Tanz angelegt. Während jeder Foxtrott etwa gleich läuft, gibt es beim Tango keine fixen Sequenzen – es bleibt also Raum für freie Interpretation der Musik. Als Orientierung dienen der Partner, die Musik und der Boden. Nach jedem Schritt erdet man sich und findet zurück zur eigenen Mitte. Dies subtile Lesen des Gegenübers schafft Intimität.
„Tango ist kein Machotanz“, sagt Tangoexpertin Ute Frühwirth, die ihn vor 20 Jahren nach Süddeutschland geholt hat. Vielmehr lädt der Mann die Frau ein, einen Schritt zu machen, und sie spürt, wo es hingeht. Geführt wird mit dem Oberkörper. Neben der Paarachse hat jeder seine eigene Achse – ein wichtiger Begriff, um den sich vieles dreht. Beide Partner sollten alleine so sicher stehen können, als wären sie mit einer Wurzel im Boden verankert. Das Einüben dieser Balance wirkt stabilisierend auf die Persönlichkeit. Wenn man sich gefunden hat, entsteht ein sogenannter Flow: Aus der Tiefe gemeinsamen Spürens der Musik lässt sich bewusst Spannung aufbauen. Genussvolle Ruhe ist möglich, da es nicht zwingend mit raschen Schritten durch den Saal geht. Man kann sachte anfangen, sich steigern und am Ende ein Feuerwerk funkeln lassen. Wie im Leben ist der Tanz dann gut, wenn Nähe getragen ist von Eigenständigkeit. Das hat man nicht ein für allemal. Es lässt sich spielerisch üben.
„Tanzen Sie einfach“ – so lautet eine Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegen eine ungesunde Lebensweise und Stress. Schon körperlich ist Tanzen ideal, um in Schwung zu kommen: Bei optimaler Pulsfrequenz (120-150 Schläge/Minute) trainiert es alle Muskeln und schont die Gelenke. Außerdem macht die Aktivierung beider Gehirnhälften kreativ. Dass Bewegung aufs Denken wirkt, wissen wir schon lange. Doch auf Tanzen scheint dies besonders zuzutreffen. „Bewegung und Musik sind schon für sich genommen zwei hochkarätige Mittel zur Stärkung des Wohlbefindens und der Persönlichkeit“ sagt Claudia Fleischle-Braun, Sportpsychologin und Sprecherin des Arbeitskreises Tanzpädagogik der Gesellschaft für Tanzforschung (GTF). „Im Tanz verbinden sie sich auf einzigartige Weise.“
Eins der spannendsten Gebiete der Tanzforschung ist die Funktion der Spiegelneuronen, jener Regionen im Gehirn, die für Empathie zuständig sein sollen. Tanzen und Denken sind eng verbunden. „Wenn wir Tanz sehen oder uns vorstellen zu tanzen, aktivieren wir dieselben Bereiche des Gehirns, wie wenn wir selbst tanzen – wir tanzen also im Geiste mit“, so die Bielefelder Sportpsychologin Dr. Bettina Bläsing. „Und je mehr Tanzerfahrung wir haben, desto größer ist der Wortschatz unserer Bewegungssprache, desto genauer verstehen wir unsere eigenen Bewegungen und die des anderen.“ Als Gehirnjogging wirkt Tanzen also nicht nur durch Konzentration auf die Schritte. Es schafft sogar neue neuronale Verknüpfungen.
Kein Partner? Kein Problem!
Tanz wird als Therapie gegen viele Krankheiten eingesetzt, denn er vereint Körper und Seele und kann sogar die Dämonen der Einsamkeit vertreiben. Letzteres trifft auf Tango ganz besonders zu: Wer hätte gedacht, dass man in einer fremden Stadt ausgehen kann und nur die Schuhe wechseln muss, um mittendrin zu sein. Auch als Frau, auch alleine! Die Szene ist verzweigt und offen. Neulinge sind willkommen. Keinen Partner zu haben, ist kein Grund zu kneifen. Auch eine Altersgrenze gibt es für Tangueros nicht.
Entgegen des Anscheins geht es nicht um Äußerlichkeiten. Wer sich in Netzstrümpfen und Federboa verkleidet fühlt, kommt eben in Jeans. Klar hat der Planet Tango auch Schattenseiten: Eitelkeit, egomanische Typen mit Pokerface, die Maske weiblicher Hingabe und nichts dahinter – alles kann an misslungenden Abenden vorkommen. In dieser Hinsicht ist Tango verführerisch. Man kann sich Gefühle abholen ohne echte Beziehungen einzugehen. Aber der Idee nach ist Tango: Aufmerksamkeit in Bewegung – gelebter Augenblick.
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