<< Tango Argentino
Tango ist ein Weg mit Höhen und Tiefen“
Kenneth und Sieglinde Fraser sind Inhaber des Tangoloft in Stuttgart, wo sie Workshops und Kurse geben. Außerdem treten sie regelmäßig in Buenos Aires auf.
Wie erklären Sie sich den derzeitigen Tango-Boom?
Kenneth: Die Beliebtheit des Tango ist stetig gewachsen. Es ist nicht nur eine Modeerscheinung. Tango eröffnet ein neues soziales Umfeld und bedeutet für viele das Ende der Heimatlosigkeit. Die intensive Nähe kann süchtig machen, manchmal auch abstoßen. Doch das Schönste ist, wenn man sich ganz findet – das inspiriert und beflügelt.
Sieglinde: Das Bedürfnis, mit einem anderen Menschen eins zu sein, ist sicher eine Sehnsucht unserer Zeit. Und wer die Vielschichtigkeit des Tango entdeckt hat, den lässt er nicht mehr los.
Was ist die Besonderheit dieses Tanzes?
Kenneth: Seine Tiefe. Es ist, als wenn man ein Instrument spielen lernt: Es macht Spaß, doch das Üben hört nie auf. Für mich ist der Improvisationscharaker absolut besonders.
Sieglinde: Ein Reiz liegt in der nonverbalen Kommunikation, die es ermöglicht, Mann- und Frau-Sein neu zu erleben. Beide gewinnen ein neues Körpergefühl und werden seelisch beweglicher.
Wie hat der Tanz Sie verändert und was unterrichten Sie in Ihrem Tangostudio?
Sieglinde: Der Tango hat unser Leben nach und nach umgekrempelt. Heute steht er als künstlerische und gesellschaftliche Herausforderung im Mittelpunkt: Wir wollen auch für andere einen Raum schaffen, in dem Tango täglich neu entsteht. Unser Stil wird immer schlichter, aber musikalischer. Wir unterrichten einen dynamischen Tango, der für die „Milonga“ (Tanzabend) geeignet ist.
Kenneth: Wir hatten große Meister als Vorbilder, von denen wir unendlich viel gelernt haben. Stil entsteht, wenn man in der Lage ist, die Musik frei zu interpretieren. Das braucht Zeit. Es ist harte Arbeit. Tango ist ein „Weg“ mit Höhen und Tiefen. Genau das bildet die Persönlichkeit.
Aus der Not heraus geboren
Argentinischer Tango ist etwas anderes als Standard-Tango, wie er in Tanzschulen gelehrt wird. Genau betrachtet ist er das Produkt eines kulturellen Austauschs zwischen Lateinamerika und Europa: Gegen 1880 in der Region um Buenos Aires als Ausdruck existenzieller Not geboren, kam er 1910 aus dem Vorstadtmilieu verruchter „Barrios“ ins elegante Paris. Schon bald wurde er zum Modetanz in Europa – und wirkte nun wieder zurück auf die gehobene Gesellschaft in Argentinien. Die Märchengestalt des Tango: Carlos Gardel, ein mittelloser Junge aus dem Großmarktviertel von Buenos Aires wurde als Sänger in den 20er-Jahren zum Nationalidol. Hatte er doch geschafft, wovon viele träumten: Dank seiner Kunst war er zu Ruhm und Ehre gelangt.
In Europa fand der Tango in den 70er-Jahren weitere Verbreitung durch Flüchtlinge vor den Militärdiktaturen in Südamerika. Erneut ging es darum, durch Bewegung und Kreativität das Schicksal zu meistern und ein kulturelles Erbe fortzuentwickeln. Seit den 80er- Jahren wird das interkulturelle Geben und Nehmen durch einen wachsenden Tango-Tourismus von Seiten Europas belebt. Selbst das Bandoneon, tragendes Instrument im Reigen zwischen Klavier, Geige, Flöte oder Bass wurde in Deutschland erfunden, fand aber erst in Argentinien zu seiner wahren Berufung.
Inzwischen haben sich viele verschiedene Stilrichtungen entwickelt. Ob auf die Musik von D’Arienzo, Di Sarli, Troilo oder Pugliese – Tango wird immer öfter auch von jungen Tänzern getanzt und weiterentwickelt. Tango Nuevo oder Electronic Tango sind dafür die besten Beispiele.
Weitere Informationen
Bücher
Sonia Abadi: Der Basar
der Umarmungen. Abrazos Books. 170 Seiten. 16 Euro.Mauricio Castro: Tango-Verstand. Abrazos Books. 100 Seiten. 18 Euro.
Filme
- „The Tango Lesson“ von Sally Potter (1997)
- „12 tangos” von Arne Birkenstock (2005)
Internet
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