Wenn Eltern älter werden
Irgendwann beginnt der Rollentausch: Nicht mehr Vater und Mutter kümmern sich um uns, sondern wir müssen sie im Alltag unterstützen. Das kann zu Problemen führen. // Von Josefine Janert
Sie waren groß und stark und erklärten uns, wie die Welt funktioniert. Unsere Eltern. Doch dann verändert sich auf einmal etwas. Wir bemerken ihre Gebrechlichkeit, ihre Langsamkeit und stellen fest, dass sie es sind, die nun auf Hilfe angewiesen sind. Eine Fahrkarte kaufen, eine Überweisung tätigen, einen Handwerker bestellen – für viele Aufgaben im Alltag brauchen sie mehr Zeit und unsere Unterstützung.
Wenn Vater und Mutter älter werden, ist das nicht nur eine Herausforderung für sie, sondern auch für uns, ihre Kinder. „Unsere eigene Endlichkeit wird uns bewusst“, sagt die Tübinger Psychotherapeutin Helga Käsler-Heide. Auch wir werden irgendwann freitags nicht mehr tanzen gehen, unseren Kindern beim Einzug in die erste WG helfen und uns, noch ein bisschen älter, vom Berufsleben verabschieden. „Wenn aus Eltern Senioren werden, denken viele Menschen darüber nach, wie sie selbst besser mit ihrer Lebenszeit umgehen können“, sagt Helga Käsler-Heide. „Wie gestalte ich sie so, dass es gut ist für mich, dass ich später nicht bereue, etwas verpasst zu haben?“
Wenn Vater oder Mutter Hilfe brauchen, sind es nach wie vor in erster Linie Frauen, die sich kümmern. Das liegt daran, dass soziale Muster lange erhalten bleiben. Töchter haben miterlebt, wie ihre Mütter als jüngere Frauen die Großeltern betreuten. Bereitwillig helfen sie nun selbst ihren Eltern beim Einkauf, erklären, wie das neue Formular auszufüllen ist, organisieren, dass ein Pflegedienst ins Haus kommt. Doch wenn dauerhaft immer mehr Unterstützung nötig ist, können Probleme auftauchen. Denn mit einer 40-Stunden-Woche ist das oft kaum zu vereinbaren. Außerdem haben wir inzwischen selbst eine Familie und Freunde, wollen Sport treiben und ins Kino gehen. Helga Käsler-Heide meint, dass auch die mittlere Generation ein Recht auf eine Auszeit habe. „Es gilt, jeden Tag neu zu überlegen, was ich machen will, was ich machen muss, worauf ich Lust habe“, sagt die Psychologin. „Wenn ich nur noch von einem Termin zum nächsten hetze und nicht merke, welche Bedürfnisse ich selbst habe, kann ich auch anderen nicht helfen.
Wenn Vater und Mutter alt werden, erinnern sich viele Menschen an zurückliegende Konflikte, an Verletzungen, die sich beide Seiten vielleicht zugefügt haben. Darüber zu reden, ist durchaus sinnvoll, um sich zu erleichtern und den eigenen Standpunkt darzulegen. Erinnert ihr euch an diese oder jene heikle Situation? Wie seht ihr das? „Durch das Gespräch kann Nähe und Verständnis entstehen“, meint Helga Käsler-Heide, auch wenn mit einer Entschuldigung oft nicht zu rechnen ist.
Anders kann es in Extremsituationen sein. Muss man sich um einen alten Menschen kümmern, der einen als Kind regelmäßig geschlagen oder jahrelang tyrannisiert hat? In diesem Fall ist es besser, sich professionelle Hilfe zu holen, etwa von einem Pflegedienst.
Doch die Normalität sieht glücklicherweise anders aus. Die meisten Menschen sind gern mit ihren älteren Familienangehörigen zusammen. Um es sich selbst dabei leichter zu machen, hilft eine Erkenntnis ganz wunderbar: Abschied vom Perfektionismus. Ein 70-jähriger Mann braucht vielleicht doppelt so lange wie sein Sohn, bis er die passende Urlaubsreise gefunden hat. Aber das macht nichts, schließlich ist es sein Leben und es geht um Zeit, die er nun hat. Und dem Drang, alles für die Alten zu regeln, solle man nicht nachgeben, meint der Psychologe Uwe Kleinemas vom Zentrum für Alternskulturen an der Uni Bonn: „Dann fühlen sie sich entmündigt.“ Besser ist es, sich mit Geduld zu wappnen. „So wie unsere Eltern uns als Kinder einfach springen ließen und nicht wussten, ob wir vielleicht einen Fahrradunfall bauen, müssen wir lernen, sie loszulassen, auch wenn sie manchmal Unsinn machen“, sagt Helga Käsler-Heide. „Das Rollenbild dreht sich um.“ Wir sind die Starken, die Eltern die Schwachen. Und stark zu sein bedeutet auch, Vater und Mutter liebevoll zu begleiten. Von den Alten können wir schließlich viel lernen, etwa, was es bedeutet, Krisen zu überstehen. Und noch etwas, was wir Jungen oft nicht haben: Gelassenheit.
Weitere Informationen
Die Psychotherapeutin Helga Käsler-Heide hat einen nützlichen Ratgeber für die mittlere Generation geschrieben. Er enthält viele praktische Tipps: Wie übernehme ich die finanziellen Belange meiner Eltern, ohne sie zu entmündigen? Wie ertrage ich ihren körperlichen Abbau? Was mache ich, wenn mein Vater Unterstützung braucht und ich in einer weit entfernten Stadt lebe?
> Helga Käsler-Heide: Wenn die Eltern älter werden. Ein Ratgeber für erwachsene Kinder. Beltz. 232 Seiten. 15,90 Euro.
In Christel Hausdings Buch stehen vor allem Texte von Frauen aus dem christlichem Umfeld, die sich um Vater und Mutter küm- mern. Sie erzählen von schönen gemeinsamen Stunden, aber auch von der emotionalen Belastung. Im Anhang gibt es juristische und medizinische Tipps.
> Christel Hausding (Hg.): Wenn meine Eltern älter werden. Hänssler. 160 Seiten. 10,95 Euro.> www.familien-wegweiser.de Auf dieser Webseite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gibt es Infos von A wie Aktiv im Alter bis Z wie Zusätzliche Altersvorsorge.
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Die Psychotherapeutin Helga Käsler-Heide hat einen nützlichen Ratgeber für die mittlere Generation geschrieben. Er enthält viele praktische Tipps: Wie übernehme ich die finanziellen Belange meiner Eltern, ohne sie zu entmündigen? Wie ertrage ich ihren körperlichen Abbau? Was mache ich, wenn mein Vater Unterstützung braucht und ich in einer weit entfernten Stadt lebe?
In Christel Hausdings Buch stehen vor allem Texte von Frauen aus dem christlichem Umfeld, die sich um Vater und Mutter küm- mern. Sie erzählen von schönen gemeinsamen Stunden, aber auch von der emotionalen Belastung. Im Anhang gibt es juristische und medizinische Tipps.