Apfelschale als Liebesorakel
Manche Bräuche der kalten Jahreszeit sind in Vergessenheit geraten. Leider, denn die meisten von ihnen versprechen Glück und Liebe. // Von Sabine Kumm
November – irgendjemand hat die letzten Blätter vom Kastanienbaum gefegt und die Abenddämmerung so weit vorverlegt, dass nach der Arbeit kein Licht mehr für den Heimweg übrig bleibt. Kalt und trüb ist es – irgendwie traurig. Kein Wunder: Mit Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag, Buß- und Bettag und Volkstrauertag ist der November besonders stark auf Abschied und innere Einkehr ausgerichtet. Also Augen zu, Herz weit auf, noch einmal an alle denken, die nicht mehr sind, und durch – der erste Advent kommt bestimmt!
Gegen das innere Frösteln lassen sich auch jetzt schon kleine Lichtinseln in den Zimmern verteilen. Kerzen, mit Fundstücken wie Tannenzapfen, Bucheckern oder Eicheln und immergrünen Zweigen kombiniert, schaffen eine behagliche Atmosphäre. Kleine Lichterketten beleben herbstliche Arrangements in den Terrakottatöpfen auf Balkon und Terrasse oder laden vor der Haustür zum Eintreten ein.
Lichterzauber für eine gute Ernte
Lichterketten sind moderne Ableger einst mächtiger Lichtzauber, mit denen unsere Vorfahren Dämonen vertreiben und guten Geistern den Weg durchs Dunkel weisen wollten. Dabei haben sich häufig heidnische und christliche Bräuche überlagert. Beispiel St. Martinstag: Wo heute Kindergartenkinder mit bunten Laternen zur Feier des Heiligen durch die Straßen wandern, waren es früher Erwachsenengruppen, die mit Fackelumzügen über die dunklen Felder zogen. Überall, wo der Schein des Lichts hinfiel, sollte die Ernte im kommenden Jahr besonders gut ausfallen. Verliebte, die gemeinsam über das Martinsfeuer sprangen, hatten ein besonders glückliches Jahr zu erwarten.
Wer bisher noch alleine kuschelt, sollte sich im November und Dezember unbedingt eine Schale mit blank polierten Äpfeln und Walnüssen auf den Tisch stellen – die ersetzen nicht nur den sprichwörtlichen Besuch beim Arzt, sondern lassen sich auch für so manches Liebes-Orakel verwenden.
Blüten zur Weihnachtszeit
Unsere Vorfahren waren da sehr erfinderisch: In der Andreasnacht zum 30. November, die das Ende des Kirchenjahres markierte, schälten die jungen Mädchen einen Apfel an einem Stück und warfen die Schale nach hinten über die Schulter – aus der Form der Schale schlossen sie auf den Anfangsbuchstaben des Zukünftigen. Oder sie aßen einen Apfel zur Hälfte vor Mitternacht, legten den Rest unters Kopfkissen und warteten dann darauf, dass ihnen der Mann ihrer Träume im Schlaf erschien. Walnussschalen ließen sich herrlich als kleine, mit Kerzen bestückte Schiffchen verwenden – wenn die eigene Nusshälfte in einem Wasserbottich mit der des gewünschten Partners zusammenstieß, standen die Chancen auf eine Beziehung gut. Wem das noch nicht reichte, der schnitt am 4. Dezember, dem Barbaratag, Kirsch- oder andere Obstbaumzweige und stellte sie ins Wasser – wenn sie an Weihnachten blühten, verhießen sie Glück für das kommende Jahr.
Grüne, lebendige Natur im Haus hat gerade in der Weihnachtszeit mehr als dekorative Bedeutung. Adonisgärtlein, in Tonschalen ausgekeimte Gersten- oder Weizenkörner, gehören ebenso dazu wie der Adventskranz aus immergrünen Zweigen, aufgehängte Misteln oder der Weihnachtsbaum. Wie schon in heidnischen Zeiten beschwört das Grün rund um die Wintersonnwende am 21. Dezember die Wiederkehr des Frühlings – das Dunkel weicht, die Tage werden wieder länger.
Grund genug, sich zu einem guten Essen zusammenzufinden, mit Singen an die alten Lärmbräuche anzuknüpfen und einander Geschenke zu überreichen. Dann bringt auch das kommende Jahr reiche Ernte, und der nächste November wird gar nicht mehr so schlimm.
Buchtipps
Gilla Brückner: Weihnachten wie früher. Von Christbaumschmuck und Gabenbringern.
Thorbecke. 136 Seiten. 19,90 Euro.
Imke Johannson: Advent (mit DVD).
Busse und Seewald. 64 Seiten. 19,90 Euro.
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