Nie wieder Falten ?
Am liebsten hätte ich mich unauffällig an ihnen vorbeigedrückt, aber weit und breit gab es keinen freien Tisch mehr in meinem Lieblingscafé. Außerdem hatten sie mich schon gesichtet, die „Fantastischen Drei“, perfekt gestylt und wie immer bei einem Espresso ohne Milch und Zucker. Die Unterhaltung drehte sich um Botox, Männer und Falten-Unterspritzung. Ich bestellte einen Kakao mit Sahne. „Und, was tust Du so gegen Dein Alter?“, fragte Chantal. Sie musterte mich, als hätte jemand die Aufschrift „Katastrophengebiet“ auf meine Stirn getackert. Genau die Art von Blick, die meine Kreativität auf rebellische Hochtouren bringt.
„Wurmloch“, antwortete ich und guckte wichtig. „Ist das was Neues?“, fragten die drei im Chor. Ich beugte mich vor, winkte sie zu mir heran und dämpfte die Stimme: „Eine wirklich abgefahrene Fünf-Minuten-Kur.“ Ich deutete mit dem Kopf in Richtung Parfümerie auf der anderen Straßenseite. „Einfach dort vor das Regal mit den Anti-Aging-Produkten stellen, fest die Augen schließen und sich auf etwas anderes als die Zahl der eigenen Lebensjahre konzentrieren – und schon wirbelt euch ein gewaltiger Strudel durch ein kleines Wurmloch direkt in ein Paralleluniversum.“
„Wahnsinn“, entfuhr es Bibi. „Und dann?“
„Wenn es dir gelingt, landest Du direkt vor einer Tür mit der Aufschrift: Faltenabgabe – bitte eintreten! Die Dame, die dahinter an einem Schreibtisch sitzt, erkundigt sich als erstes, was sie für dich tun kann. Und dann musst du nur sagen, dass du deine Falten loswerden willst.“
„Das ist alles?“, Cindy strich sich aufgeregt durch ihre blondierte Löwenmähne. Ich nickte und erzählte weiter. „Mich hat sie danach nur kurz begutachtet und auf einem Formblatt angekreuzt: Krähenfüße, pflastersteinartige Kinnfalten, periorale Schwerkraftfalten, Zornesfalten. Und dann hat sie mich doch tatsächlich gefragt: ‚Haben Sie auch nasolabiale Falten anzubieten? Da ist der Bedarf momentan besonders groß.’“
„Bedarf?“, echoten die drei ungläubig.
„Naja, die Frau hat mir das so erklärt: Im nachhaltig-universellen Gesamtzusammenhang wird jede kleine Furche einer sinnvollen Verwendung zugeführt. Sogar das Universum selbst schlägt Falten, sonst gäbe es keine Wurmlöcher. Im Gegensatz zu uns sind die Menschen im Paralleluniversum von Natur aus glatt und sehnen sich nach individuellem Ausdruck. Sie konnte mir auf Anhieb einen Abnehmer für meine Lachfalten, meine, wie sie es nannte, ‚reizenden Hängebäckchen‘ und das Doppelkinn nennen. All dies steht dort nämlich für persönliche Geschichte, Reife und Souveränität. Besonders begehrt sind wohl die Linien zwischen Nase und Mundwinkel. Deswegen versucht sie schon seit Jahren vergeblich, an Bruce Willis heranzukommen.“
Ein kollektives Seufzen war die Antwort.
„Ich musste dann nur noch mit meiner Unterschrift bestätigen, dass ich ihnen all meine Falten überlasse und für immer eine absolut makellose Haut akzeptiere – mein Gesicht also praktisch von meiner Biographie abkoppele.
„Und, was hast Du gemacht?“ Die „Fantastischen Drei“ hielten förmlich den Atem an. Ich lächelte reizend. „Was hättet Ihr denn getan?“, fragte ich zurück, griff nach meiner Tasche und stand auf. Dann ging ich beschwingt hinaus, ohne mich noch einmal umzudrehen, zurück in mein eigenes Universum. Wie gut, dass es Wurmlöcher gibt!
Sabine Kumm, 51, ist Journalistin und freie Autorin. Sie hat zwei Kinder und lebt mit Mann und Hund Honey in der Nähe von Frankfurt.
| weiterblättern> |
