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Das bessere Gefühl

130 000, 400 000, 750 000, eine Million – die Schätzungen über die Zahl der Schönheitsoperationen im vergangenen Jahr variieren je nach Quelle. Was bewegt Menschen dazu, sich aus freien Stücken einer teuren und mit Risiken verbundenen Operation zu unterziehen? // Von Astrid Wahrenberg

Schöner sein und dadurch selbstbewusster werden, das ist der Wunsch vieler Frauen und Männer. Denn schöne Menschen, das zeigen verschiedene Untersuchungen, haben es leichter im Leben. Besonders junge Menschen legen sich aus freien Stücken unters Messer, ein Viertel der Patienten in Deutschland sind 15 bis 25 Jahre alt, „Tendenz steigend“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie. Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren ist kein neues Phänomen. „Ich habe mir vor 35 Jahren brennend gewünscht, den Unterkiefer verkürzen zu lassen, ich fand mein Gesicht zu lang und habe sehr darunter gelitten“, sagt beispielsweise Susanne Bruckner. Aber ihre Mutter hat sich nur an die Stirn getippt, als sie den Wunsch der damals 15-Jährigen hörte. Den Eingriff hat Susanne Bruckner nie vornehmen lassen: „Ich merkte irgendwann, dass die anderen mich mochten, so wie ich bin, da habe ich das nicht mehr gebraucht.“

Allein wegen optischer Korrekturen das Risiko einer Operation auf sich nehmen – das war lange Zeit ein Tabu. Allenfalls wenn sich der Eingriff medizinisch begründen ließ, führten Ärzte solche durch. Etwa wenn jemand wegen einer sehr großen Oberweite starke Rückenschmerzen hatte oder die Nase ein riesiger Zinken war und starke Depressionen auslöste. Heute hat das Gros der plastisch-chirurgischen Ope­ra­tionen ästhetische Gründe, und daraus machen immer weniger Menschen ein Geheimnis. In Beirut beispielsweise, wo Nasenkorrekturen fast so normal wie ein Besuch beim Friseur sind, bleiben Frauen nach einem Eingriff nicht mehr zu Hause, bis die Narben abklingen. Sie gehen mit Nasenpflaster ins Büro und zum Einkaufen.

Gesellschaft im Wertewandel

Diese Entwicklung ist umstritten: „Das Thema Schönheitsoperationen wird in den Medien sehr kontrovers diskutiert“, sagt die Soziologin Dr. Julia von Hayek, die eine Arbeit zum Thema „Schönheitsoperationen in der modernen Gesellschaft“ geschrieben hat. Wir befänden uns in einem Wertewandel. Im Kern gehe es dabei um die Frage, was Schönheit, Gesundheit und Krankheit für uns bedeuten. „Erst wenn niemand mehr über den Sinn und Unsinn von Schönheitsoperationen diskutiert, ist dieser Prozess abgeschlossen und Schönheitsoperationen sind zu einer gesellschaftlichen, weil nicht mehr hinterfragten, Selbstverständlichkeit geworden.“

Dass die Gesellschaft in dieser Fra­ge noch zerrissen ist, zeigt beispielsweise die kürzlich präsentierte neue Nase der spanischen Prinzessin Letizia. Das Königshaus führte in einer Erklärung medizinische Gründe für den Eingriff an. Die Prinzessin habe sich wegen Atemproblemen operieren lassen. Die Bevölkerung interpretierte die neue Nase anders: Die Nachfrage nach Nasenkorrekturen in Spanien stieg sprunghaft an.

In Hollywood bestreiten viele Stars schon gar nicht mehr, dass der Chirurg bei dem einen oder anderen Detail nachgeholfen hat. TV-Sendungen wie „The Swan“ vermitteln einem Millionenpublikum: Ein praller Busen, ein strammer Po und volle Lippen sind nicht mehr nur naturgegeben – jeder kann schöner werden.

Besonders Prominente und Vorbilder in Fernsehen und Zeitschriften hätten einen großen Einfluss auf das Schönheitsideal, sagt die Psychologin Dr. Tanja Legenbauer von der Ruhr-Universität in Bochum. Sie hat im Jahr 2005 eine Online-Befragung durchgeführt, die in Erfahrung bringen sollte, welche psychologischen Merkmale bei der Entscheidung für eine Schönheitsoperation eine Rolle spielen. An der Befragung haben 611 Personen teilgenommen. Weit mehr als die Hälfte von ihnen gaben an, keine Schönheitsoperation durchführen zu lassen, 124 planten einen Eingriff und 92 hatten bereits einen ästhetisch-chirurgischen Eingriff hinter sich. Auffälliges Studienergebnis: Sowohl Menschen, die eine Schönheitsoperation planten als auch jene, die bereits eine Schönheits-OP gemacht hatten, „schauten deutlich mehr Fernsehen als die Studienteilnehmer, die eine Operation ablehnen,“ sagt Dr. Legenbauer. Insbesondere bei Jugendlichen, deren Persönlichkeit noch nicht gefestigt ist, würden mediale Vorbilder den Wunsch nach körperlicher Perfektion auslösen.

Weniger niedergeschlagen

Die Untersuchung des Teams um Dr. Legenbauer zeigte zudem, dass Personen, die eine Operation planen, deutlich unzufriedener sind als diejenigen, die bereits eine Operation erhalten hatten. „Die Gründe für diesen verblüffenden Befund sind jedoch unklar, da es sich nicht um eine Verlaufsstudie handelt“, sagt Dr. Legenbauer. Ein vorsichtiges Fazit könnte jedoch sein, dass möglicherweise die durch die Schönheitsoperation erreichte Änderung dazu führt, dass einige Menschen zufriedener sind und ihr Selbstbewusstsein gestärkt wird. Das deckt sich auch mit dem Ergebnis einer Untersuchung der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Uni Basel. Dort wurden 500 Patienten anhand von Fragebögen in vier Zeitabständen befragt: Vor dem Eingriff, dann nach drei, sechs und zwölf Monaten. Ergebnis: 95 Prozent der Befragten fühlten sich nach der Operation wohler. Das blieb auch über den langen Befragungszeitraum

stabil. Des Weiteren konnten die Wissenschaftler beobachten, dass diese Menschen weniger von Angst oder Nieder­geschlagenheit betroffen waren als eine Kontrollgruppe ohne Operation.

Diesen psychologischen Effekt sollte man durchaus ernst nehmen. „Wenn sich die Menschen nach einer Schönheitsoperation besser fühlen und es ihnen besser geht, dann unterscheidet sich von diesem Ergebnis her eine Schönheitsoperation zunächst nicht von Bodybuilding, Piercing oder Tätowierungen“, sagt die Soziologin Dr. Julia von Hayek. Der zentrale Unterschied bei Schönheitsoperationen liege aber vor allem darin, dass sie im medizinischen Kontext durch­geführt würden. „Es besteht die Gefahr, dass alles, was medizinisch möglich ist, auch gemacht wird, und damit die Grenzen verschoben werden, von dem was uns krank, nicht ‚normal’ und damit behandlungsbedürftig erscheint.“ Wie das Ergebnis aussehen kann, wissen wir durch Prominente wie Cher und Michael Jackson: befremdlich.

OperationVorbildfunktion: Nachdem die spanische Prinzessin Letizia ihre Nase korrigieren lies, stieg die Zahl der Schönheitsoperationen im Königreich sprunghaft an.
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