Blätter mit Geschichte
Japaner, Ostfriesen und Engländer sind nur einige von vielen Völkern der Erde, die den Genuss von Tee schätzen – und oft ausgiebig zelebrieren. Doch neben der heißen Wohltat hat Tee noch andere Vorzüge. Vor allem der grüne. // Von Sabine Kumm
Er ist nach Wasser die meistgetrunkene Flüssigkeit der Welt, hat Kulturen geprägt, den Lauf der Geschichte beeinflusst, nationale Identitäten geschaffen. Was wären die Japaner ohne Teezeremonie, die Russen ohne Samowar, die Engländer ohne ihre Teatime? Sogar die amerikanische Unabhängigkeit hat der Tee entscheidend beeinflusst: Als das damalige Mutterland England die Teesteuer erhöhte, kippten die Amerikaner bei der so genannten „Boston Tea Party“ 45 Tonnen Tee ins Meer – ein Proteststurm, der das Ende der englischen Vorherrschaft einläutete.
Dabei hat alles mit einem Windhauch angefangen: Irgendwo in China soll ein solcher im vierten Jahrtausend vor Christus ein paar unscheinbare Blätter in einen Kessel mit kochendem Wasser geweht haben. Der Sage nach verfärbte sich das Wasser golden und begann verführerisch zu duften. Glücklicher Zufall, dass der Kessel zum Tross des chinesischen Kaisers Chen Nung gehörte: Als dieser von dem wundersam verwandelten Wasser kostete, fühlte er sich auf einmal munter und erfrischt. Kein Wunder, er hatte seine erste Tasse Tee getrunken. „Der Tee weckt den guten Geist und die weisen Gedanken. Er erfrischt deinen Körper und beruhigt dein Gemüt. Bist du niedergeschlagen, so wird Tee dich ermutigen“, schwärmte Chen Nung von seiner Entdeckung. Folgerichtig verschwanden die Blätter des Strauches „Camellia thea“ in den Schubladen der chinesischen Apotheken, bevor sie in den folgenden Jahrtausenden ihren Siegeszug in die Teeschalen des einfachen Volkes antraten.
Studien geben den alten Chinesen Recht: Sie bestätigen besonders grünem Tee eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System. Durch seine reiche Palette an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen soll er Blutdruck und Blutzuckerspiegel regulieren und verhindern, dass sich Blutfette wie das Cholesterin an den Gefäßwänden absetzen können. Besonders dem Flavonoid Epigallocatechingallat (EGCG), das bei grünem Tee ein Drittel der Trockenmasse ausmacht, werden Krebs hemmende Eigenschaften zugeschrieben. Es soll hundertmal stärker vor freien Radikalen schützen als Vitamin C. Dass grüner Tee durch seinen natürlichen Fluorgehalt Karies vorbeugen und schädliche Umwelteinflüsse auf die Haut neutralisieren soll, macht ihn auch für Kosmetika interessant.
Zum Volksgetränk wurde Tee – egal ob die grüne oder schwarze Variante – jedoch vor allem aus einem Grund: Er lässt sich in zahlreichen Geschmacksvarianten genießen und kann, je nach Bedarf, anregend oder dämpfend wirken. Denn bei einer Ziehdauer bis zu drei Minuten wird vor allem das enthaltene Koffein frei gesetzt, nach Überschreiten dieser Zeit entfalten die Gerbstoffe ihre beruhigende Wirkung. So steht Tee gleichermaßen für meditative Entspannung, konzentrierte geistige Arbeit und den gemütlichen Plausch rund ums Stövchen. Mit ein Grund dafür, dass nach seiner Einführung in Europa zu Beginn des 17. Jahrhunderts viele Kaffeehäuser zu Teehäusern umfunktioniert wurden. Nationen wie England schwenkten so konsequent auf den Genuss von Tee um, dass sie schon bald weltweit damit identifiziert wurden.
Ostfriesen und der Rest der Welt
In Deutschland tun sich in Punkto Teekonsum besonders die Ostfriesen hervor. Weder Sanktionen noch Steuern oder kriegsbedingte Rationierungen konnten sie vom Zelebrieren ihrer ganz eigenen „Teetied“ mit der kräftigen, ostfriesischen Schwarztee-Mischung abhalten: Erst kommt ein Stück Kandis, „Kluntje“, in die Tasse, dann bringt der heiß darüber gegossene Tee den Zuckerklumpen so richtig zum Knistern und am Ende wird vorsichtig mit einem speziellen Löffel ein Wölkchen Sahne hinzu gegeben. Umrühren ist streng verboten, denn die geschmackliche Dreifachschichtung von cremig über bitter bis hin zu süß gilt als der wahre Teegenuss.
Und wenn dann draußen auch noch die Winterstürme toben, sind sich die Ostfriesen mit dem Rest der Welt einig: „Der Weg zum Himmel führt an der Teekanne vorbei.“
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