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Sabine KummKolumne

Von Sternen und der NATO

Oh je, es ist mal wieder so weit! „Er ist Schütze!“, heult Bibi ins Telefon. „Dabei hatte ich gedacht, dieses Mal ist es der Richtige.“ Bibi ist einfach unverbesserlich, seit ihr Ex mit einer anderen durchgebrannt ist. Mit dem Blick in den Himmel fängt es immer an, entfaltet sich allmählich in Richtung Runensteine und Tarot und kommt mit Glückskeksen, Kaffeesatz und Gummibärchen-Orakel endgültig zum Ausbruch.

„Hier steht: Die Frauen werden auf ihn fliegen und er liebt es, sie zu verführen“, liest sie schluchzend aus dem neuen großen Frühjahrshoroskop vor. Und das soll Thomas sein, der liebenswürdige Bodybuilder, der Bibi schon seit Wochen mühelos auf seinen starken Händen trägt? Der nichts als Krafttraining im Kopf hat und garantiert nicht mal beim Rebounding an Seitensprünge denkt? „Heute Abend mache ich mit ihm Schluss“, sagt Bibi und zieht entschlossen die Nase hoch.

„Noch mal zum Mitschreiben: Du schießt Thomas in den Wind, weil bei seiner Geburt die Sterne so und nicht anders standen? Ich habe erst neulich gelesen, dass es viel entscheidender für das Baby ist, wie dick die Hebamme war,“ versuche ich zu argumentieren. Doch sie hört mir überhaupt nicht mehr zu: „Am besten tue ich es gleich. Die Engelkarten haben mir gesagt, ich soll wichtige Dinge nicht auf die lange Bank schieben.“

Nichts gegen Engelkarten – aber was Bibi in dieser schweren Zeit braucht, ist eine gute Freundin mit engelhafter Geduld und teuflischem Einfallsreichtum. Natürlich gemäß den Richtlinien der NATO, der Vereinigung der „Neuen Anonymen Test- und Orakelsüchtigen“. Kennen Sie nicht? Ich auch nicht. Aber gut erfunden ist halb gewonnen. Das NATO-Prinzip lautet ab sofort: Was hilft gegen ein verunglücktes Orakel? Nur ein weiteres Orakel, damit man sich am Ende aussuchen kann, was man sowieso schon die ganze Zeit wollte.

„Rasiert Thomas sich eigentlich nass oder trocken?“, frage ich kurz entschlossen. „Nass, zweimal am Tag. Warum?“ Ihrer Hysterie geht jetzt deutlich die Luft aus. „Das ist ganz neu – kommt aus Amerika. Pass auf, hier steht: ‚Der Nassrasierer ist zwar ein scharfer Typ, aber auch wenn seine Beziehung auf Messers Schneide steht, wird er Sie nie über die Klinge springen lassen.‘“ Sie schweigt, schluckt – aber sie schnieft nicht mehr. Treffer! Der Schütze und sein Bogen wanken schon bedenklich.

„Sag mal neulich, bei unserem bayerischen Brunch, wie hat Thomas da seine Brezel gegessen?“ „Er beißt immer erst mal in den bauchigen Teil“, sagt sie und klingt schon fast wieder normal. „Du meinst, das hat was zu bedeuten?“ „Es gibt da einen aktuellen Test. Ich fass’ mal kurz zusammen: Die Bauchbeißer sind die geradlinigen Typen, die sich nicht lange mit Unwesentlichem aufhalten. Ehrlich, kraftvoll, bodenständig. Nicht solche Taktierer wie die Brezelohren­esser, die sich nicht so recht für knusprig oder weich entscheiden können. Oder die Herzensbrecher, die sich nur den kleinen Brezelknoten schnappen und den Rest am Boden zerstört zurücklassen.“

Beredtes Schweigen. Ich höre förmlich, wie der Schütze sich in die ewigen Jagdgründe verabschiedet. „Vielleicht sollte ich es doch noch mal mit ihm versuchen“, meint Bibi kleinlaut.

Geschafft! Das war mal wieder knapp. Als ich den Hörer auflege, zittern mir richtig die Hände und vor lauter Erleichterung ist mir jetzt selbst nach Heulen zumute. Kein Wunder – schließlich bin ich Fisch, und die sind ja so sensibel.

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