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Kolumne
Mal schnell auf Nimmerwiedersehen
„Na, auch noch schnell einkaufen vor dem Wochenende?“
Ich kann leider nicht antworten. Warteschlangen haben ihre eigenen Regeln. Hier ist volle Konzentration gefragt, schließlich könnte es jeden Moment weitergehen. Drängler von rechts, quengelndes Kleinkind von links – jetzt singt die Mutter auch noch leise ein Kinderlied. Ihre Stimme zittert. Die beiden werden nicht lange durchhalten. Schon quietscht es leise, wie von ungeölten Rädern: „Lasst mich zurück, geht ohne mich weiter!“ War das ihr Einkaufswagen?
Es halluziniert sich leicht, Freitagabend im Supermarkt. Meine Lieblingstheorie: Kassiererinnen sind in Wirklichkeit Teil der technischen Einrichtung und werden jeden Tag nach Ladenschluss unter den Tisch geklappt – dass ein normaler Mensch mit diesen Schmucknägeln tippen kann, kam mir sowieso schon immer verdächtig vor. Warum sollten nicht im Gegenzug die Einkaufswagen, täglich mit den Gegenständen menschlicher Sehnsüchte beladen, schon längst ein Eigenleben führen? Ich beuge mich weit nach vorn über meine Einkäufe, und flüstere unauffällig in Richtung Kopfsalat, Bio-Milch und Vollkornnudeln: „Kannst du mich verstehen? Wenn ja, dann hilf mir, ich muss hier raus!“ Der Wagen schweigt störrisch, und ich schubse ihn unsanft ein Stück weiter nach vorn. Freitagabend im Supermarkt, das ist schlicht zum Verrücktwerden.
„Ein sicheres Mittel, die Leute aufzubringen und ihnen böse Gedanken in den Kopf zu setzen, ist, sie lange warten zu lassen.“ Hat schon Friedrich Nietzsche gesagt. Dabei gab es zu seiner Zeit noch gar keine Kassenschlangen.
Schon gewusst? Ein Jahr und sechs Monate verbringen wir im Leben durchschnittlich mit Einkaufen, nur zwei Wochen mit Küssen und etwa genauso lange mit Beten. Ich spüre förmlich, wie mit jedem Piepton der Kasse mein Leben verrinnt. Und fange, in Ermangelung einer Alternative, schon mal an zu beten. Das spart Zeit und kann nicht schaden, bis mir jemand zum Küssen über den Weg läuft. Mein Blick fällt auf die Tagespresse: „Familienvater seit drei Tagen vermisst.“ Ein ganz normaler Vorgang. Fast 100.000 Menschen verschwinden jedes Jahr in Deutschland – die meisten tauchen nach ein paar Stunden bis Tagen wieder auf. Na, dämmert’s?
Ich schaue mich um. Da steht der Gesuchte, an der hinteren Kasse, die gerade geschlossen wird. Ich sehe noch, wie er sich mit einer unendlich traurigen Geste über die dichten Bartstoppeln fährt, dann ist er wie ein Phantom wieder zwischen den Regalreihen verschwunden. Freitagabend im Supermarkt, das ist Grenzerfahrung pur.
„Warten gibt Stärke; Warten bringt die jungen Trauben zur Reife und wandelt, was nur sprossender Keim war, zu kraftvoller Saat.“ O-Ton Ovid, vor 2000 Jahren. Das waren noch Zeiten!
Aber eigentlich hat er ja Recht, der alte Fabulierer. Man könnte das Warten zum Nachdenken nutzen, zum Träumen und Treibenlassen. Könnte isometrische Übungen machen, Gedichte rezitieren, jonglieren. Oder nette Leute kennenlernen.
Wie zum Beispiel den Chinesen Chao Lu: Er hält bis heute den Weltrekord im Memorieren der Kreiszahl Pi – mehr als 24 Stunden hat er im Jahr 2005 damit zugebracht, 67.890 ihrer unendlichen Stellen nach dem Komma auswendig aufzusagen.
Keiner hat ihn je gefragt, wann er üblicherweise einkaufen geht. Aber ich bin sicher, ich weiß es.
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