Fit ohne Schweiß
Aquafitness-Fans lieben Druck und Widerstand – jedenfalls im Wasser. Bewegung im nassen Element ist ein sanftes Konditionstraining, gut für Gelenke und Venen. // Von Sylvia Meise
Quietschbunt sind die Accessoires der Wasserratten, die sich in Schwimm- und Erlebnisbädern zum Fitnesstraining treffen. Nur Bädermuffel kennen weder Jogginggürtel, die das aufrechte Laufen im Wasser ermöglichen, noch „Poolnudeln“ oder sogenannte Aquamitts – Wasserhandschuhe, die dem Träger ein froschiges Aussehen verleihen. Während man mit der Nudel aus Polyethylen alles erdenkliche anstellen kann, sorgen Hand- oder Wasserschuhe für erhöhten Wasserwiderstand, fordern also mehr Muskelaufwand beim Bewegen.
Das geniale Grundprinzip dieser weiterentwickelten Wassergymnastik basiert auf angewandter Physik: Gegen den Wasserwiderstand ausgeführt erfordern dieselben Übungen wie an Land mehr Muskelkraft – während gleichzeitig der Auftrieb des Wassers dafür sorgt, dass man sich federleicht fühlt. Ein ideales Kraft- und Ausdauertraining, bei dem Intensität und Schnelligkeit der Übungsfolgen individuell gewählt werden können.
Walken, Tanzen, Nudeltraining
Nie probiert? Höchste Zeit, sich mal für eine Trainingsrunde im belebenden Nass anzumelden. Auswahl gibt es genug: Vom Walken, Joggen oder Rennen im Wasser übers Hantel-, Box- oder Nudeltraining bis zu Wasser-Aerobic oder -Tanz. Beherrscht man die Grundlagen, kann man auch allein trainieren. Reha-Kliniken setzen Aquafitness gezielt bei Patienten nach Hüft- oder Kniegelenk-Operationen ein, da im Wasser nur ein Sechstel des Körpergewichts auf den Gelenken lastet. Zudem fühlen sich die meisten Menschen pudelwohl dabei – so wird die Wasserarbeit zum wertvollen Gesundheitstraining. Der zusätzliche Spaßfaktor und die geringe Verletzungsgefahr machen das Ganze sogar breitensporttauglich. Manche Trainer, die feste Kurse anbieten, sorgen wie in einem Aerobic-Studio am Schwimmbeckenrand mit Musik für Laune und Taktgefühl. Bei Partnerübungen kommt darüber hinaus die Entspannung zum Zuge – man lernt dabei nämlich, sich dem Partner sowie dem Wasser anzuvertrauen und − loszulassen. Ein wichtiger Beitrag für die seelische Fitness.
Boxen und Radeln im Wasser
Ein besonderes Angebot für stressgeplagte Männer, die weder Axt noch Holzklotz zur Hand haben, ist das Aquaboxen. Spezielle Handgeräte machen richtig Arbeit daraus – soll Aggressionen abbauen helfen. Eine weitere ungewöhnliche Variante ist das Aquacycling. Dieser noch recht junge Trend stammt aus dem Animationsprogramm italienischer Hotelpools: Dabei hockt man im Wasser auf Hometrainern, vorn am Beckenrand der Vorreiter, Musik ab, und dann wird gestrampelt. Als vor 15 Jahren erstmals die Aquatic-Fitnesswelle aus den USA herüberschwappte, war der Duisburger Sportlehrer und Aquafitness-Experte Peter Freyer unter den ersten Befürwortern.
Wo andere noch „Firlefanz“ dachten und das System als Verkaufsstrategie für spezielle Geräte beargwöhnten, witterte er zusammen mit vier anderen das große Potenzial für den Breitensport und führte Aquafitness in Deutschland ein. Seitdem bildet der 53-Jährige im Schwimmverband Nordrhein-Westfalen offiziell anerkannte Aquafitness-Trainer aus. Die Kritiker sind mittlerweile verstummt, denn die positiven Trainingserfolge sind nicht von der Hand zu weisen.
Manche Kassen beteiligen sich
Sportwissenschaftler der Ruhr Universität Bochum belegten in diversen Begleitstudien die Wirksamkeit der gesundheits-orientierten Bewegungsprogramme im Wasser „hinsichtlich der Kernziele“, die da heißen: gesunder Lebensstil, Stärkung der Gesundheitsressourcen oder Bewältigung von Beschwerden und Missbefinden.
Tipp: Wenn die Kurse mit dem Qualitätssiegel des Deutschen Olympischen Sportbundes „Sport pro Gesundheit“ zertifiziert sind, beteiligen sich einige Krankenkassen an den Kosten für Aquafitnesskurse und manche Physiotherapeuten verfügen sogar über ein Übungsbecken in der Praxis. Auch viele Leistungssportler haben Aquafitness auf ihrem Stundenplan, sowohl fürs Krafttraining als auch den Wiederaufbau der Kondition nach Verletzungen. Doch man muss nicht unbedingt ein Profi sein, um so vom Wassertraining zu profitieren. Sogar einen Lymphdrainage-Effekt hat der Wasserspaß, weil der Wasserdruck stetig das Gewebe massiert. Dazu Freyer: „Schon wenn ich nur im Wasser stehe, wirkt der Druck auf die Beine und unterstützt so die Pump-Eigenschaften der Venen. Wenn ich mich dazu noch bewege wie beim Aquajogging, gibt es nichts Besseres.“ Er betont: „Mit ärztlichem OK können auch Ungeübte oder Herzpatienten teilnehmen.“ Ein guter Trainer sorge mit maßgeschneiderten Übungsstunden dafür, dass sich jeder nur seinen Möglichkeiten entsprechend belastet.
Hoher Kalorienverbrauch
Als Kalorienverbrenner, sprich Schlankmacher, sei das Programm ebenfalls unschlagbar: „Gerade für solche, die eine XL-Figur haben, denn: Wasser macht unsichtbar. Anders als im Aerobic-Studio fühlt man sich nicht beobachtet.“ Dazu sei kaum jemandem bewusst, dass im kühleren Wasser der Verbrauch der Energie und damit auch der Kalorienverbrauch höher ist, weil das Wasser dem Körper wesentlich mehr Wärme entzieht als die Luft. Aber aufgepasst, wer frierend aus dem Wasser steigt, dem meldet das Gehirn: Energienachschub − sofort! Doch dann bloß nicht zu viel futtern, sonst war das Gestrampel für die Katz.
Was Wasserratten lieben:
Aquajogging
Aquajogging ist die am meisten verbreitete Technik. Der Jogginggürtel sorgt dafür, dass man im Wasser aufrecht bleiben kann. Mit Geräten, die den Wasserwiderstand erhöhen, etwa
mit Aquatwins (Schuhen), kann man die Trainingsintensität steigern.
Aquastep
Aquastep trainiert das Herz-Kreislauf-System und die Beine. Wasserratten erarbeiten sich einfache bis komplexe Schrittfolgen. Das Training sollte in hüft- bis brusttiefem Wasser bei
circa 28 Grad Celsius stattfinden. Es wird mit einer tragbaren „Treppenstufe“ gearbeitet.
Aquarobic
Im Mittelpunkt beim Aerobic im Wasser steht die
Verbesserung der Ausdauer und des Herz-Kreislauf-Systems. Intensität der Bewegungen und Tempo
variieren je nach Gruppe.
Es werden oft Aquamitts
(Wasserhandschuhe)
eingesetzt.
Aquadancing
Tanzbewegungen nach Musik im Wasser sind für viele motivierender als Laufprogramme und sind speziell auf einzelne Gelenkfunktionen abgestimmt. Besonders geeignet für die Aufwärmphase. Der Übergang zur konditionel-len Wassergymnastik oder Aquarobic ist fließend.
Buchtipps & Internetseiten
- Daniela Ott; Natascha Hillebrecht: Aquagymnastik. Meyer & Meyer. 176 Seiten. 16,95 Euro.
- Mimi Rodriguez Adami: Fit im Wasser – 120 Übungen, die Sie rundum in Form bringen. Dorling Kindersley. 160 Seiten. 14,95 Euro.
- Tomihiro Shimizu; Noriko Tachikawa: Das Aquanudel-Workout-Buch. Meyer & Meyer. 144 Seiten. 14,95 Euro.
INTERNET
Einen „Aquafitness-Kompass“ gibt es auf der Homepage des Schwimmverbands Nordrhein-Westfalen. Zu finden auf www.swimpool.de, unter „Breiten- und Gesundheitsport“.
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