Schönheit aus 1001 Nacht
Türkisches Dampfbad, Lavaerde-Peeling und sinnliche Düfte: Pflegerituale aus dem Orient entführen in eine faszinierende Welt – und sind herrlich entspannend. // Von Jutta Krause
Glatte warme Steine, von Wasserdampf erfüllte Luft und gedämpfte Beleuchtung: Ein Besuch in einem Hamam lassen Hektik und Kälte draußen schnell vergessen und man taucht beim Baden ein in die faszinierende Welt aus Tausendundeiner Nacht. Die Badezeremonie folgt einem wohltuenden jahrhundertealten Ritus, der den Körper gründlich reinigt und dabei den Geist erfrischt.
Bekleidet mit einem Pestemal, einem dünnen, um die Hüften geschlungenen Baumwolltuch, betreten die Badenden einen warmen Raum, der von einem großen, runden Marmortisch dominiert wird, dem Nabelstein „Göbektasi“. Kaltes und warmes Wasser fließt in Marmorbecken. Wasser, so heißt es hier, muss fließen, damit es wirklich reinigt. Mit Kupferschalen gießen sich die Frauen das Wasser über Arme, Beine, Kopf und Körper und legen sich dann auf den beheizten Nabelstein, um den Körper leicht zu erhitzen.
Seifenschaum und Ziegenhaar-Handschuh
Die Wärme entspannt sanft die Muskeln und bringt das Immunsystem auf Touren, der Dampf öffnet die Poren und macht die Haut bereit für das, was jetzt kommt: Seifenmassage und gründliches Peeling. Von Kopf bis Fuß in Schaum gehüllt, werden die Gäste vom Tellak, dem Bademeister, oder der Badefrau (Natir) nach allen Regeln der Kunst durchgewalkt und geknetet. Ein Handschuh aus Seide oder rauem Ziegenhaar rubbelt alte Hautschüppchen weg. Durchblutung und der Hautstoffwechsel werden dabei kräftig angeregt. Sanfte Wassergüsse aus der Kupferschale spülen Schlacken und abgestorbene Hautpartikel einfach weg.
Und: Das ausgedehnte Baderitual dient nicht nur der Reinigung, es ist auch ein wesentlicher Aspekt orientalischer Schönheitspflege. Denn traditionell bedeutet Schönheit in vielen Ländern des Orients nicht nur glatte Haut und weiches Haar, sie hat auch sehr viel mit Entspannung, Zufriedenheit und genussvollem weiblichen Selbstbewusstsein zu tun.
Rhassoul: Erde aus dem Atlasgebirge
Der Ziegenhaar-Handschuh fühlt sich zu rau an? Dann ist ein behutsames Peeling mit Lavaerde (Rhassoul) eine gute Alternative. Die weiche, mineralstoffreiche Erde aus dem marokkanischen Atlasgebirge ist im Orient ein beliebtes Reinigungsmittel, denn sie macht Haut und Haare seidenweich. Das Rhassoul wird in etwas warmem Wasser aufgeweicht, zu einer Paste geknetet und leicht in Haut und Haare einmassiert. Lavaerde (lavare = waschen) enthält keine Tenside. Durch ihre hohe Quellfähigkeit bindet sie abgestorbene Hautschüppchen und Talgreste, während die Haut die Mineralstoffe der Erde aufnimmt. Ist das Rhassoul leicht angetrocknet, wird es mit klarem Wasser abgespült. Aus den Haaren muss es gründlich entfernt werden, sonst wirken sie stumpf.
Nach einem abschließenden Guss mit lauwarmem oder kühlem Wasser ist die Haut optimal vorbereitet für die nachfolgenden Pflege- und Schönheitsbehandlungen. Im Orient steht jetzt die Ganzkörperenthaarung mit dem Warmwachs Halawa, einer Mischung aus Zucker, Pflanzenöl und Zitronensaft, auf dem Programm. Doch auch hierzulande wird diese sanfte Enthaarungsmethode immer beliebter.
Der letzte Schritt zur rundum genussvollen Schönheitspflege ist das Verwöhnen von Haut und Haar mit duftenden Ölen und reichhaltigen Cremes. Das hat eine sehr lange Tradition: Grabbeigaben und Jahrtausende alte Rezepturen zeigen, dass der verschwenderische Umgang mit Salben und Ölen bereits im alten Ägypten fester Bestandteil der Körperkultur waren.
Essbare Kosmetik
Mit einem trockenen Tuch geht es in den Ruheraum, wo Getränke und Obst bereitstehen. Nach einer kleinen Stärkung steht ein intensives Verwöhnprogramm für Haut und Haar an. Die Haare werden mit nährenden Packungen aus Eigelb, Oliven- oder Mandelöl, Honig, Zitronensaft zum Glänzen gebracht. Henna zaubert rötliche Lichteffekte in dunkles Haar. Das Gesicht wird mit Masken aus Heilerde, Blütenwassern, Joghurt, Honig und kostbaren Ölen (z.B. Schwarzkümmelöl) verwöhnt. Ein Bad in lauwarmem Olivenöl macht die Hände zart und stärkt die Nägel. Auch Mandelöl mit etwas Honig ist dafür ein beliebtes Mittel.
Rosenduft, Geschichten und Feste
Der Körper wird mit Blütenwässern erfrischt und mit duftenden Ölen gesalbt. Eine der wichtigsten Pflanzen für die Schönheit ist die Rose. Die „Königin der Blumen“, deren sinnlich-harmonischer Duft die Seele berührt, kommt ursprünglich aus dem Orient. Das kostbare Rosenöl ist ein hochwirksames Hautpflegemittel, das aufbauend wirkt, die Zellerneuerung anregt und selbst für hochempfindliche Haut sehr gut verträglich ist. Zur Gewinnung werden die Rosenblüten früh am Morgen von Hand gepflückt. Für einen einzigen Tropfen der edlen Essenz benötigt man etwa 30 Blüten. Als Basisöl für empfindliche Haut ist das nussig duftende Sesamöl bestens geeignet. Es beruhigt und strafft die Haut.
Im Orient ist der Ruheraum auch ein Ort der Geselligkeit. Auf weiche Kissen gebettet genießen die Frauen dort Tee und mitgebrachte Leckereien, tauschen Geschichten und Ratschläge aus oder lassen genüsslich die Schischa, die Wasserpfeife kreisen. Bei rituellen Festen, wie etwa dem Braut- oder dem Wöchnerinnen-Hamam, geht es mit Trommeln, Tänzen und Gesang hoch her.
Orientalische Freuden für Zuhause
Kleopatra liefert die Inspiration, wie man die Sinnesfreuden des Morgenlandes auch Zuhause genießen kann. Ihre Bäder in Eselsmilch sind so legendär wie ihre betörende Ausstrahlung. Letzterer half sie mit umwerfenden Düften nach, ihre Vorliebe für Weihrauch, Myrrhe und intensive Duftkompositionen ist bekannt. Für Liebesstunden dekorierte sie ihre Gemächer der Überlieferung nach mit Rosenblüten, selbst die Segel des Schiffs, das sie ihrem Geliebten entgegen trug, sollen mit Rosenwasser getränkt gewesen sein.
Weniger opulent, aber leichter machbar ist ein Bad mit (Kuh)-Milch oder Sahne, das sich mit Duftölen wie Jasmin, Ylang-Ylang, Rose, Lavendel oder Gewürzölen stilgerecht beduften lässt. Dazu die ätherischen Öle in die Milch träufeln, in der man auch etwas Honig auflösen kann, und dem Badewasser beigeben. Beim anschließenden „Nachglühen“ mit einer Tasse süßem Minztee kann man die – im Orient sehr geschätzte – hohe Kunst des Geschichtenerzählens genießen, etwa beim Lesen der Märchen aus Tausendundeiner Nacht, die seit einigen Jahren in neuer Übersetzung vorliegen.
Kajal für schöne Augen-Blicke
Was wäre der geheimnisvolle Blick einer orientalischen Schönheit ohne Kajalstrich? Die dunkle Umrandung hebt das Weiß der Augen hervor und bringt sie zum Strahlen.
In Ägypten war das Betonen der Augen mit dem Kohlestift pure Magie, mit der nicht nur der Schönheit, sondern auch dem Sonnengott Ra gehuldigt wurde. Außerdem schützte man damit seine Augen vor starker Lichteinstrahlung. Echter Kajal aus Kohlenstoff soll zudem helfen, die Augen von winzigen Staub- und Schmutzpartikeln zu befreien. Dem ayurvedischen Kajal wird Kampfer beigemischt, der Entzündungen vorbeugen soll.
Henna-Tattoos: Fein gemalte Talismane
Schon seit über dreitausend Jahren wird Henna aus dem ägyptischen Färberstrauch zum Färben von Haut und Haaren eingesetzt. Die filigrane Körperbemalung mit Henna ist eine ritualisierte, ursprünglich magische Kunst, deren symbolhafte Ornamente nicht nur die Weiblichkeit zelebrieren, sondern die Trägerin auch vor Unglück schützen und ihr Gesundheit, Fruchtbarkeit und Glück bringen sollen. Die Körperbemalung ist begleitet von Musik, Geschichten, Räucherwerk und Speisen.
Vorsicht vor Henna-Tattoos in Urlaubsländern
In südlichen Ländern wird der Hennapaste zum Teil der hochallergene Stoff Para-Phenylendiamin (PPD) zugesetzt. Er dient dazu, die orangegelbe Hennafarbe dunkler und intensiver zu machen, kann aber sehr schwere Hautallergien auslösen. PPD ist zwar in europäischen Kosmetikartikeln verboten, wird aber in Urlaubsländern manchmal von Straßenkünstlern verwendet.
Buchtipps:
- Andrea Schneider: Honigmilch & Rosenöl. Av Buch. 144 Seiten. 19,90 Euro.
Viele Rezepte und wertvolle Anregungen für orientalische Wonnestunden allein, zu zweit oder mit einer Gruppe von Freundinnen.- Claudia Ott: Tausendundeine Nacht.
Verlag C.H. Beck. 699 Seiten. 29,90 Euro.
Neuübersetzung der berühmten Erzählsammlung
in der ältesten arabischen Fassung.- Claudia Ott: Gold auf Lapislazuli. Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients. Verlag C.H. Beck. 157 Seiten. 14,90 Euro.
Rhassoul Mineral Waschcreme von Alva, Kohl-Kajal von Lakshmi, Shampoo Henna Volume von Sante, Hautöl Sandel-Zeder von Martina Gebhardt, Wascherde pur von Tautropfen, Granatapfel Regenerationshandcreme von Weleda, Argan-Hautöl von Argand‘Or, Pflegeöl
Rosenblüten von Dr. Hauschka, Naturparfum Shandrani von Farfalla, Oriental Deo Roll-on von Logona
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