Was wäscht denn da?
Egal ob wir uns mit Duschgel, Shampoo oder Flüssigseife waschen: Immer sind es Tenside, die den Schmutz von der Haut lösen. Manche machen das aggressiv, andere aber richtig sanft. // Von Leo Frühschütz
Mit Seife waschen? Schadet das nicht dem Säureschutzmantel der Haut? Seife ist das älteste Tensid überhaupt. Mit dem Vorwurf, die alkalisch wirkende Seife würde den Säureschutzmantel der Haut zerstören, drückte die Kosmetikindustrie in den 70er-Jahren ihre synthetischen Tenside auf den Markt. „PH-neutral“ hieß das Zauberwort. Dabei ist Seife für gesunde Haut kein Problem. Was die Haut stört, ist zu häufiges Waschen mit Tensiden aller Art. Das entfettet sie, trocknet sie aus, macht sie spröde und empfindlich. Dass man sich mit Seife oft nur die Hände wäscht, hat noch andere Gründe: Ihre Reinigungsleistung sinkt in hartem, kalkreichem Wasser. Auch lässt sie sich nicht gut in Tuben und Flaschen füllen.
Insgesamt sollte man aber wissen: Kein Shampoo oder Duschgel kommt ohne Tenside aus. Diese chemischen Zauberkünstler lösen Schmutz und lassen ihn im Wasser schweben. Als Emulgatoren verbinden sie Öl und Wasser zu einer Creme oder Lotion. Das schaffen die Tenside, weil sie zwei Gegensätze vereinen. Ein Ende des Tensid-Moleküls ist wasserliebend (hydrophil), das andere mag es gerne fett (lipophil). Wenn man einen Tropfen Tensid ins Wasser schüttet, lagern sich die Tenside mit ihrem hydrophilen Teil an der Oberfläche an. Sie stecken sozusagen den Kopf ins Wasser. Dadurch verliert die Wasseroberfläche ihre Spannung. Jetzt kann das Wasser Fettiges lösen.
Die Naturkosmetik stand chemisch hergestellten Tensiden und Emulgatoren lange skeptisch gegenüber. Manche Hersteller – wie Martina Gebhardt Naturkosmetik – verzichten ganz darauf oder verwenden – so wie Tautropfen – nur wenige Emulgatoren für die Cremes und keine Tenside für die Reinigung. Für die tägliche Wäsche, auch der Haare, empfehlen sie Wascherde (siehe auch hier).
Aggressiv zur Haut
Diese Skepsis hat Gründe: Bis Mitte der 1990er-Jahre basierten die meisten synthetischen Tenside auf Erdöl. Noch heute sind sie in vielen konventionellen Kosmetika enthalten. Sie sind zum Teil schwer biologisch abbaubar und wenig hautfreundlich. Zum Beispiel sorgen sie für ein Brennen, wenn das Shampoo ins Auge gerät. Als besonders aggressiv gelten Laurylsulfate. Sie werden als irritierend oder stark irritierend eingestuft. Weniger hautreizend sind Polyethylenglykole (PEG) und daraus hergestellte Tenside, die man in den meisten konventionellen Shampoos findet. Allerdings können sie die Haut durchlässiger für Schadstoffe machen. Mangels Alternativen fanden sich solche Tenside auch in den ersten Duschgelen und Shampoos von Naturkosmetik-Herstellern.
Das änderte sich ab 1995, als der Waschmittelhersteller Henkel begann, im großen Stil Tenside auf Zuckerbasis zu produzieren. Zwar schäumten diese ersten Zuckertenside nicht so stark wie Laurylsulfat. Doch sind sie besser biologisch abbaubar als PEG-Derivate, besser verträglich und zudem komplett aus nachwachsenden Rohstoffen.
Sanftheit hat ihren Preis
Seither haben die Tensid-Hersteller die technischen Eigenschaften ihrer Produkte verbessert. Neben den Zuckertensiden kommen heute in naturkosmetischen Shampoos und Duschgels auch waschaktive Substanzen aus Kokosfetten und Aminosäuren (Cocoyl Glutamat, Lauroyl Sarcosin) zum Einsatz. Was ihre Wirkung beim Haare waschen oder Duschen angeht, brauchen sie sich vor PEG-Tensiden oder Laurylsulfaten nicht zu verstecken. Allerdings müssen die Kosmetikhersteller dafür deutlich mehr Geld auf den Tisch legen. Die herausragende Eigenschaft der Zucker- und Kokostenside ist ihre gute Hautverträglichkeit. Sie werden als nicht oder kaum irritierend eingestuft. Fast so verträglich ist die Tensidgruppe der Betaine, die ebenfalls häufig in Naturkosmetika eingesetzt und aus Rübenmelasse gewonnen wird. Einige Hersteller setzen noch Laurylsulfate ein, zum Beispiel in der Serie Lavera Basis Sensitiv, der Discounter-Marke Blütezeit oder den Shampoos von Wellments. Durch die Mischung mit Zuckertensiden und Betainen sind diese Produkte hautverträglicher als reines Laurylsulfat. Dies gilt auch für die Coco-Sulfate, bei denen der Anteil an Laurylsulfat reduziert ist. Kaum noch verwendet werden zwei durchaus hautverträgliche Tenside, deren Moleküle aber einen Teil Erdöl enthalten: Cocamidopropylbetain und Cocoamphoacetat. Aus naturkosmetischer Sicht gilt hier: Sauber, aber nicht porentief rein.
Nur wenige Hersteller für sanfte Tenside
Die wichtigsten Rohstoffe für Naturkosmetik-Tenside sind Zucker, Ge- treidesirup oder Stärke für den Zucker-anteil im Molekül. Die nötigen Fettsäuren stammen aus Kokos- oder Palmkernöl. Die Bezeichnung „Coco“ steht dabei nicht für Kokosnuss, sondern für eine Mischung verschiedener pflanzlicher Fettsäuren, wie sie Kokosfett und Palmkernöl aufweisen.
Projekt für nachhaltiges Palmöl
Es gibt nur wenige Hersteller, die diese Rohstoffe zu Tensiden verarbeiten.
Entsprechend groß sind die Kapazitäten der Anlagen. Darin kleine Chargen mit eigens zertifizierten Rohstoffen zu produzieren, wäre sehr aufwendig. Cognis, der Marktführer für pflanzliche Tenside, unterstützt deshalb ein Modell des Runden Tisches für Nachhaltiges Palmöl (RSPO): Die Verarbeiter von Palm- oder Palmkernöl kaufen Nachhaltigkeitszertifikate. Dafür wird eine bestimmte Menge des nach den RSPO-Kriterien nachhaltig erzeugten Rohstoffs in die Lieferkette eingespeist. Es muss aber nicht stofflich identisch sein mit dem tatsächlich zum Tensid verarbeiteten Öl. „Wir unterstützen unsere Kunden dabei, wenn sie zertifiziert nachhaltiges Palmkernöl in diesem Rahmen als Rohstoff einsetzen und bewerben wollen“, erklärt Ute Griesbach, Marketing-Managerin bei Cognis.
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