Cosmia natürlich schön
 
Schönheit & Pflege

Verliebt in Aromen

Ätherische Öle können mehr als duften. Sie lindern Beschwerden und beeinflussen die Stimmung. In der Duftlampe und in Kosmetik. Darauf setzen die Duftspezialisten bei Primavera im Allgäu. Nur die Nase zu kitzeln, wäre ihnen viel zu wenig. Sie wollen mehr. // Von Leo Frühschütz

Wie riecht das Jahr 2009? Bei Primavera im bayerischen Allgäu werden sie die Antwort in wenigen Wochen wissen. Dann kreieren die Mitarbeiter des Spezialisten für ätherische Öle ihr Jahresparfum. Alle zusammen, wie jedes Jahr vor Weihnachten. Die Rezeptur ist kein Geheimnis: Jeder der 130 Angestellten schreibt sein aktuelles Lieblingsöl auf einen Zettel und Geschäftsführerin Ute Leube beginnt mit dem Mischen. Zwanzig Tropfen für jeden, das ist ein Milliliter: Rose, Lavendel, Neroli, zweimal Orange, dann Jasmin und so fort bis das Gefäß voll ist und die Vorlieben aller Beschäftigten sich zu einem großen Duft verbinden.

„So entsteht jedes Jahr eine andere Mischung, die ein bisschen die Stimmung in der Firma wiedergibt“, erklärt Ute Leube dieses Ritual. „Mal ist sie frischer, mal rosiger, mal unausgewogen, dann wieder sehr harmonisch.“ Das Parfum des Jahres wird mit Alkohol verdünnt und in Flacons abgefüllt. Jeder bekommt einen. Ute Leube hat ihre Jahrgangs-Fläschchen aufgehoben. Ein Firmenarchiv aus Düften. Und die Geschichte einer großen Liebe.

Die begann 1984. Ute Leube betrieb damals einen Bio-Laden in München. „Unser Gemüselieferant erzählte von ätherischen Ölen. Ich fand das ziemlich künstlich: Düfte, die es natürlicherweise im Winter nicht gibt, mit Duftlampen in die Wohnung zu holen.“ Dennoch fuhr sie ein Wochenende auf einen Aromatherapiekurs: „Das war ein Durchbruch, ich habe eine neue Dimension kennengelernt. Es war wie sich verlieben – und das ist bis heute geblieben.“ Ute Leube zog nach Sulzberg ins Allgäu, wo sie bis heute mit ihrem Geschäftspartner Kurt L. Nübling ätherische Öle und Naturkosmetik vertreibt.

Im Mittelpunkt steht dabei bis heute die Aromatherapie, die helfende und heilende Wirkung der Öle. „Vieles was wir damals ausprobiert und erlebt haben, ist längst wissenschaftlich nachgewiesen. Heute gibt es Krankenhäuser und Pflegeheime, die Schlafmittel durch eine kurze Fußmassage mit Lavendelöl ersetzen.“ 145 verschiedene ätherische Öle bietet Primavera an – fast alle aus Bio-Anbau. Dazu kommen Mischungen als Raumspray oder als Roll-on, beworben als „Aromatherapie für die Handtasche.“ Auch bei der Naturkosmetik stehen die wohltuenden Wirkungen der Düfte im Vordergrund; verbunden mit den Wirkstoffen kaltgepresster Samenöle, etwa aus Nachtkerzen und Granatäpfeln. Rund 5.000 Interessierte schult das Unternehmen jedes Jahr in diversen Duftanwendungen und Naturkosmetik-Themen, vom Tagesseminar bis hin zum 120-Stundenkurs mit Abschlussprüfung.

Gestärkt aus der Krise

„Wir haben uns nur leiten lassen von unserer Begeisterung, wir haben nicht kaufmännisch gedacht“, beschreibt Ute Leube die Entwicklung vom Sechs-Quadratmeter-Kämmerchen zum internationalen Unternehmen mit 20 Millionen Euro Umsatz. Nach anfänglich rasanter Entwicklung schlitterte Primavera 2001 in eine Krise. Wie roch das Jahrgangsparfum damals, Frau Leube? „Unausgewogen. Die Einzelteile ergaben kein harmonisches Ganzes, sondern drifteten auseinander.“ Schweren Herzens trennten sich die Primavera-Gründer von einigen unrentablen Sortimenten wie Nahrungsergänzung, Ayurveda, Räucherwerk sowie Babypflege und konzentrierten sich auf ihre Kernkompetenzen Aromatherapie und Naturkosmetik. Um das Eigenkapital zu stärken, nahmen sie einen kaufmännisch erfahrenen Freund Kurt Nüblings als Gesellschafter auf, der sich seither erfolgreich um die Finanzen kümmert. Eine harte Belastung sei das gewesen, erinnert sich Kurt Nübling. „So eine Krise durchzumachen, zu erleben, wie kalt es um einen herum wird, das ist eine besondere Erfahrung. Das konnte ich mir als idealistisch geprägter Mensch gar nicht vorstellen.“

Derzeit ist der studierte Landwirt und Physiotherapeut vor allem Baumeister. In Oy-Mittelberg, etwa 15 Kilometer von Sulzberg entfernt, entsteht der neue Firmensitz. Dort nimmt Gestalt an, was bisher schon als Überschrift über der Firmenphilosophie stand: Ein Energiefeld von Duft, Licht und Lebensfreude. Drei ovale Stockwerke mit breiten Fensterfronten nach Osten, Süden und Westen. Die beiden oberen Geschosse sind jeweils etwas zurückgesetzt, sodass Platz für zwei umlaufende Balkone entsteht. Darüber wölbt sich ein sanft geschwungenes Dach wie eine Welle. Eine gelungene Mischung aus Pagode und Bauhaus, würde eine Architekturzeitschrift womöglich loben. Dem Baumeister ist bei der Führung durch den Rohbau etwas anderes viel wichtiger. Er zeigt auf ein rundes Loch im Boden, Durchmesser etwa 40 Zentimeter. „Das ist die Mittelachse, der Herzpunkt. Er ist mit der Erde unter dem Fundament verbunden und zieht sich offen durch das ganze Gebäude.“

Kurt Nübling ist seit 25 Jahren Feng-Shui-Experte. Nichts soll den Fluss der Lebensenergie behindern. Eine große Eingangshalle als Lunge, in der sich die Energie sammelt. Ein rundes Treppenhaus, das sie verteilt. Eine hohe Steinmauer hält den Rücken frei. Von der Mauer aus ziehen sich niedriger werdende Wälle um das Gebäude wie eine Umarmung. Auch ökologisch hat das Gebäude einiges zu bieten. Die Betondecken sind wabenähnlich konstruiert, was etwa 20 Prozent Eisen und Beton spart.

In den Beton hat Kurt Nübling rund fünf Tonnen Quarzkristalle gemischt und das Anmachwasser vorher energetisiert. „Mir haben schon viele Besucher gesagt, dass es hier gar nicht nach Bau riecht. Vielleicht liegt das daran.“ Beim Energiekonzept setzt der Bauherr auf Solarfolien, spezielle kleine Windräder und Infrarot-Strahlungswärme als Heizung. Er will konsequente Nachhaltigkeit am Bau vorantreiben. Sein Ziel beim Energiekonzept ist vollkommene CO2-Neutralität. Alle Energie, die zum Heizen und Kühlen gebraucht wird, soll auf dem Gelände produziert werden. Noch ziehen sich keine Zwischenwände durch die großen Geschosse, und viele sollen es auch nicht werden. „Offene Strukturen“ und „Nest & Network-Office“ lauten die Stichworte. Büros, in denen man nicht nur arbeiten, sondern auch leben kann. Spezielle Lamellen an den Fenstern und Beschichtungen an den Decken sollen das Tageslicht weit ins Innere des Gebäudes leiten. Für die Feinplanung hat Kurt Nübling einen Akustikexperten engagiert. Damit trotz aller Offenheit jeder in Ruhe arbeiten kann. Dort, wo der Herzpunkt durch die Stockwerke zieht, sollen Couchen stehen, gemütliche Sitzecken, Platz für Kommunikation. „80 Prozent der Innovationen und Verbesserungen werden nicht in langen Sitzungen erarbeitet, sondern entstehen bei spontanen Treffen.“

Externe Berater fördern den Teamgeist

Schon seit Jahren arbeitet Primavera mit Coaches. Diese externen Berater fördern Zusammenarbeit und Entwicklung innerhalb der Teams. Seit zwei Jahren überarbeiten alle 130 Beschäftigten gemeinsam die 18 Jahre alte Firmenphilosophie. Bis zum Umzug im Frühjahr 2010 wollen sie fertig sein. „Dann beginnt für uns eine neue Zeitrechnung“, freut sich Ute Leube. Schon jetzt identifizieren sich die Mitarbeiter mit dem neuen Gebäude. Gemeinsam haben sie die ersten Wälle um den Neubau mit 5 000 Büschen und Lavendelpflanzen begrünt, gemeinsam im Rohbau ein erstes Sommerfest gefeiert. „Ich bin gespannt, was da alles an Neuem entsteht“, schwärmt Kurt Nübling. Wie riecht Neuanfang für ihn? „Wie das Frühjahr, das riecht so lau, warm und frisch zur gleichen Zeit und mit einer geballten Kraft im Untergrund.“ Auf italienisch heißt der Frühling Primavera.

Steckbrief

Name: Primavera Life GmbH
Gegründet: 1986, um ätherische Öle für die Aromatherapie sowie Naturkosmetik zu vertreiben.
Firmensitz: Sulzberg im Allgäu, ab Frühjahr 2010 Oy-Mittelberg, 15 Kilometer weiter.
Mitarbeiter: 130
Besonderheiten: Die 145 ätherischen Öle und die Samenöle in der Kosmetik stammen überwiegend von eigenen Anbauprojekten und langjährigen Partnern in Italien, Frankreich, Türkei, Ägypten, Peru, Nepal und Bhutan. Jede ankommende Charge wird im eigenen Labor analysiert.
Homepage: www.primaveralife.com

  weiterblättern>