Die 10 größten
Fitness-Irrtümer
Schadet Joggen auf dem Asphalt? Ist Schwimmen wirklich so gesund? Gar nicht leicht, im Dickicht der Mythen rund ums Thema Sport durchzublicken. Wir helfen weiter. // Von Gisa Bührer-Lucke
Sport ist Mord sagen die einen, wenngleich augenzwinkernd. Sport ist unabdingbar für ein gesundes und langes Leben, ist das Credo der anderen. Wer irrt?
Bei dieser Frage ist ein Irrtum ausgeschlossen, der Fall ist klar: Zweifellos sind die Vertreter der „Sport-ist-Mord-Fraktion“ im Unrecht. Denn es ist längst wissenschaftlich bewiesen, wie positiv sportliche Betätigung Körper und Psyche und damit unsere Gesundheit beeinflusst.
Das hängt ganz einfach mit unserer Evolutionsgeschichte zusammen. Rund zwei Millionen Jahre war der Mensch ständig in Bewegung. Als Jäger und Sammler legte er auf der Suche nach Nahrung täglich kilometerweite Strecken zurück. Die fortschreitende Technisierung setzte diesem natürlichen Bewegungsdrang ein Ende − und gipfelte schließlich darin, dass sich viele Menschen in ihrem Berufsalltag kaum noch weiter bewegen als vom Schreibtisch zur Kantine oder zum Parkplatz. Wer sich also die Laufschuhe oder den Badeanzug anzieht, tut nicht nur etwas für seine Gesundheit, sondern lebt instinktiv auch gemäß seines genetischen Bauplanes.
Fakten vom Sportexperten
Bewegung ist also ein Muss. Doch welcher Sport auch immer – es gibt einige Mythen und Irrtümer rund um das Thema Fitness, die sich hartnäckig halten. Schadet Asphalt tatsächlich den Gelenken beim Joggen? Sollten Schwangere lieber konsequent die Füße hoch legen?
Wir haben Professor Dr. Ingo Froböse, Leiter des Zentrums für Gesundheit an der Sporthochschule in Köln, zu zehn dieser Mythen befragt. Er erklärt auf den folgenden Seiten, ob etwas dran ist oder ob es sich schlicht um Legenden handelt.
- Um Fett zu verlieren, muss man sich ganz schön ranhalten, denn die Fettverbrennung setzt erst nach 30 Minuten ein.
Das ist falsch. Denn der Fettstoffwechsel ist nahezu immer aktiv. Er ist jedoch bei Untrainierten noch deutlich weniger effektiv als bei Trainierten. Beim Sport spielen Zuckerstoffwechsel und Fettstoffwechsel die größte Rolle, beide Systeme laufen parallel. „Die körperliche Belastung darf allerdings nicht zu stark sein, sonst wird der Fettstoffwechsel gehemmt und der Körper baut stattdessen Kohlenhydrate ab“, betont Prof. Dr. Froböse. Sein Rat: Laufen, ohne zu schnaufen.“
- Schwimmen ist die gesündeste
Sportart überhaupt.
Aber nur, wenn die richtige Technik angewendet wird. Beim Brustschwimmen den Kopf nicht krampfhaft über Wasser halten, das belastet die Halswirbelsäule. Deshalb ist es besser, eine Schwimmbrille zu tragen. Falsche Beinbewegungen können außerdem Knieprobleme verursachen.
- Wer Muskelkater hat, sollte seinen Körper
möglichst viel schonen.
Muskelkater ist keine Krankheit und meist auch völlig unproblematisch, nur eben etwas schmerzhaft. Er entsteht durch eine Überforderung der Muskulatur, was nicht nur Anfängern, sondern auch trainierten Sportlern passiert, wenn sie ungewohnte Übungen ausführen. Beim Muskelkater kommt es innerhalb der Muskeln zum Zerreißen kleiner Eiweiß-Strukturen, aus denen die Muskelfasern gebildet werden. Daher die Schmerzen. Der Organismus reagiert mit einer lokalen Entzündung, wodurch sich die Durchblutung erhöht. Die ist für eine schnelle Reparatur notwendig. Insofern hilft Bewegung eher, als dass sie schadet, da sie die Durchblutung fördert und den Heilungsprozess vorantreibt. Leichte Bewegung ist in Ordnung, nur nicht übertreiben. Auch Sauna und Wärme helfen.
- Wer viel trainiert, benötigt Nahrungsergänzungsmittel. Auch, weil sie angeblich die Leistung steigern.
Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel mit Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen in konzentrierter Form. Doch der Verlust an solchen Nährstoffen ist im Sport nicht so groß, dass sie durch künstliche Präparate ausgeglichen werden müssten. „Es gibt keine einzige fundierte Studie, die beweist, dass ein Mehr an Nahrungsergänzungsmitteln die Leis-tung steigern kann“, sagt Prof. Dr. Ingo Froböse. Einzige Ausnahme sind bestimmte Mineralien wie Natrium, Kalium und Magnesium. Die aber nur bei überdurchschnittlichen Belas-tungen, wie etwa einem Marathon. Nahrungsergänzungsmittel sind also für Gesunde nicht notwendig − vorausgesetzt, man ernährt sich zumindest zum überwiegenden Teil ausgewogen.
- Wer Sport treibt, wird seltener krank, weil er sein Immunsystem trainiert.
Grundsätzlich ist das richtig. Doch es sind vor allem Spitzensportler, die ihren Organismus unbemerkt überfordern. Das jedoch schwächt das Immunsystem. Wird Sport moderat betrieben, unterstützt das Hormon Adrenalin eine Aktivierung des Immunsystems, das mit der Zeit stärker und auch qualitativ besser wird. Also nicht an die Leistungsgrenze gehen, sondern Sport richtig dosieren.
- Schwangere dürfen keinen Sport machen.
Im Gegenteil. Viele Studien zeigen, dass sportlich aktive Schwangere deutlich seltener Komplikationen während der Entbindung haben. Außerdem reduzieren sich die schwangerschaftstypischen Rückenschmerzen, die Gewichtszunahme wird limitiert und das Risiko eines Diabetes sinkt. Geeignet sind vor allem Schwimmen, Wandern, Laufen, Gymnastik und Tanzen. Auf Kampf- und Ballsportarten sollten Frauen mit fortschreitender Schwangerschaft verzichten.
- Viele Sportler befürchten, dass häufiges Jogging auf Asphalt den Gelenken schadet, gar die Entstehung von Arthrose fördert.
Das ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält, jedoch keine Substanz besitzt. Im Gegenteil. Läufer verfügen über einen viel dickeren Knorpelschutz für ihre Knochen als Nichtsportler, egal wo sie laufen. Besonders Knie- und Hüftgelenke profitieren von den Joggingeinheiten. Voraussetzung sind eine gute Lauftechnik und eine kräftige Beinmuskulatur. Sie ist der Garant für das Abfangen bei jeder Landung. Es gibt kein besseres Federungssys-tem als die körpereigenen Muskeln. Selbst gedämpfte und gefederte Schuhe helfen hier nicht. Diese passive Dämpfung reduziert eher die Fähigkeiten der aktiven Muskeln und führt zu Instabilität und Unsicherheit. Aktuelle Studien zeigen, dass Jogger mit stark gedämpften Schuhen häufiger unter Achillesproblemen leiden. Gelenke brauchen Bewegung und Belastung, nur so wird der Knorpel ernährt.
- Wer viel trainiert, am besten täglich,
ist topfit.
Viel hilft viel, stimmt so nicht, zumal es immer auf die Sportart ankommt. Wer seinen Körper überlastet, fühlt sich müde und unwohl. Vor allem Anfänger müssen die richtige Balance zwischen Belastung und Erholung finden, denn der Körper gewöhnt sich erst nach und nach an die Trainingsreize. Das Trainingsprogramm sollte langsam gesteigert werden. Erholungspausen sind unerlässlich. Moderates Ausdauertraining wie Joggen oder Radfahren können jedoch auch Untrainierte täglich absolvieren.
- Eine starke, gut trainierte Rückenmuskulatur, vor allem die sichtbare, schützt vor Schmerzen und hilft, Verletzungen vorzubeugen.
Nein, denn die wichtigsten Muskeln für eine gesunde Wirbelsäule und damit einen gesunden Rücken sind die tief innen liegenden Muskeln, direkt an der Wirbelsäule. Die große Muskulatur ist für die Kraft zuständig. Die kleinen Muskeln sichern die Stabilität der Wirbelsäule. Um sie zu stützen, werden keine großen Kräfte benötigt, sondern sehr filigrane Rotationsbewegungen. Ohne die Stütze dieser tief liegenden Muskeln ist der Rücken nicht vor Problemen gefeit.
- Mit zunehmendem Alter sollte man auf anstrengenden Sport verzichten und höchstens spazieren gehen.
Zwar fallen mit steigendem Alter körperliche Aktivitäten schwerer. Doch es geht mehr, als wir denken. Muskeln erneuern sich alle 15 Jahre und wissen insofern gar nicht, wie alt sie sind. Das sollte man nutzen, denn innerhalb von zwölf Monaten kann man seine Muskelkraft um mehr als 100 Prozent steigern. Dadurch erhöht sich nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern es bleibt auch die Selbstständigkeit länger erhalten. Wichtig ist Dauerhaftigkeit. Morgens zehn Minuten Gymnastik und tagsüber einen strammen Spaziergang, Walken oder Joggen. Und das täglich.
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