Zu Gast bei Luvos
In Ur-Opas Fußstapfen
Ein gesundes Leben und Heilerde-Anwendungen ließen Adolf Just von einer angeblich unheilbaren Krankheit genesen. Heute leitet seine Urenkelin das Unternehmen Luvos. // Von Astrid Wahrenberg
Ariane Kaestner hätte Ärztin, Kindergärtnerin oder Weltenbummlerin werden können. „Meine Eltern haben mich nicht in die Firmenleitung gedrängt“, sagt sie. Geschwister hat die Urenkelin von Gründer Adolf Just, der in diesem Jahr 150 Jahre geworden wäre, nicht. Justs Namen nennt Kaestner in einem Atemzug mit Sebastian Kneipp, dem Erfinder der Wasserkur, und Emanuel Felke, dem Begründer der Lehm-Anwendungen. Ihr Urgroßvater war wie die beiden Zeitgenossen vor mehr als 100 Jahren ein sehr bekannter Mann. Der leidenschaftliche Verfechter der Naturheilkunde hatte mindestens genauso viel Zulauf wie die beiden heute noch bekannten Lebensreformer.
Während Kneipp sich auf Wasseranwendungen konzentrierte und Felke auf Lehmbäder schwor, erforschte Just die innere und äußere Wirkung verschiedener Erden auf die Gesundheit. „Die Natur irrt nicht, sie hat immer Recht“, war sein Manifest. Dahinter stand sein eigenes Schicksal. Als junger Mann litt er an einem Nervenleiden, kein Arzt konnte ihm helfen. Just entdeckte die Naturheilkunde, machte eine Kneippkur und verordnete sich eine radikale Therapie. Er lebte in einer Waldhütte, schlief auf dem Boden, ging sommers wie winters barfuß, ernährte sich vegetarisch und wurde schließlich gesund.
Bei seinen weiteren Forschungen stieß Just auf eine Erde mit besonders guten Eigenschaften und schuf dafür den Begriff Luvos Heilerde. Bereits zu Lebzeiten wurde der Firmengründer international bekannt und von medizinischen Gesellschaften geehrt. Seine Anwendungsbeobachtungen und Studien sind inzwischen wissenschaftlich bestätigt. Das Naturprodukt bindet überschüssige Säure. Bakterien und Stoffwechselprodukte saugt es auf wie ein Schwamm und scheidet alles über die Verdauung aus. Äußerlich wird die Erde etwa bei Akne oder Prellungen als Packung angewendet.
Ausgangs- und Endmaterial von Heilerde ist Löss, ein verwittertes Gesteinspulver, das mit Gletschern der letzten Eiszeit aus Skandinavien nach Deutschland gelangte. Eine ganz bestimmte Mischung von Mineralien und Spurenelementen macht Löss zu Luvos-Heilerde. „Löss gibt es wie Sand am Meer, aber die Zusammensetzung der Erden unterscheidet sich gewaltig“, sagt Kaestner. Das Luvos-Produkt ist aufgrund der speziellen Eigenschaften als einziges Arzneimittel mit Heilerde bei Sodbrennen, säurebedingten Magenbeschwerden und Durchfall zugelassen.
Brückenschlag in die Moderne
Seit vier Generationen besteht das Hauptgeschäft − salopp gesagt − darin, geeignete Erde zu suchen, abzubauen, zu trocknen und zu sterilisieren, extrem fein zu mahlen und in Tüten zu füllen. Derzeit stammt der Löss aus einem Vorkommen in Hessen. Es handelt sich also um eine Erde aus der Region, die im Taunusstädtchen Friedrichsdorf, dem Sitz des Unternehmens, verarbeitet wird. Die Aufbereitungsverfahren sind die gleichen wie zu Zeiten Adolf Justs.
Urenkelin Ariane Kaestner, die voller Elan als Geschäftsführerin ins Familienunternehmen einstieg, suchte neben dem Erde-Abpacken weitere Perspektiven. Die hat sich die damals 36-Jährige mit ihrem Projekt Naturkosmetik geschaffen. Hier will sie die guten Wirkungen der Heilerde auf die Haut in einer anspruchsvollen Naturkosmetik-Linie nutzen. Ein Brückenschlag in die Moderne für ein Produkt, das jüngere Menschen allenfalls als „Pickelmaske“ kennen.
Heilerde im Mittelpunkt
Die Gesellschafterversammlung gab damals grünes Licht. Ein Naturkosmetik-Entwickler sollte das Heilerde- Wirkstoffprofil auf die Kosmetika zuschneiden. „Der Auftrag lautete, die einzigartige Wirkung von Heilerde in den Mittelpunkt zu stellen und durch ausgesuchte pflegende Inhalts- und Wirkstoffe zu ergänzen“, erklärt Kaestner. Die Zertifizierung als geprüfte Naturkosmetik mit Siegel war ein Muss für den Entwickler. „Wir haben ein Naturprodukt, das soll auch so bleiben“, sagt Kaestner. Rund ein Jahr dauerte es, bis verschiedene Masken, Anti-Aging-Produkte und ein Gesichtsfluid marktreif waren und die ersten Produkte hergestellt wurden. Produziert wird nicht am Firmenstandort. „Die Anschaffung des Maschinenparks wäre für unsern kleinen Betrieb zu teuer gewesen“, sagt die studierte Volkswirtin.
Seit einem Jahr steht die Naturkosmetik jetzt in den Regalen von Bio-Läden, Reformhäusern und Apotheken. Sie hat sich schnell einen Namen gemacht. Seit der Einführung der Marke sitzt die heute 40-jährige Geschäftsführerin, die gleichzeitig Presse- und Marketingchefin im Unternehmen ist, nicht mehr viel am Schreibtisch. Sie reist häufig quer durch Deutschland, um die Produkte bekannt zu machen.
Eine Studie sorgt für Rückenwind
So initiierte sie beispielsweise eine kleine Studie mit einer Frauenzeitschrift, deren Leser eine Heilerde-Gesichtsmaske getestet haben. 175 Testpersonen haben ihren Hautzustand vor und nach einer sechswöchigen Anwendung gewissenhaft bewertet.
Die Fragebögen hat die Berliner Charité-Klinik entwickelt und ausgewertet. Demnach bewerteten 80 Prozent der Teilnehmer Empfindung, Hautgefühl und Wirksamkeit als gut oder sehr gut. Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern ist der Firmenchefin wichtig: „Allein schon aufgrund der Arzneimittelzulassung der Heilerde verlassen wir uns nur auf seriöse Ergebnisse.“
Der Erfolg beflügelt und die Ideen sprudeln. Vielleicht kann Ariane Kaestner sogar an besonders glanzvolle Zeiten der Unternehmensgeschichte anknüpfen. Urgroßvater Adolf Just war nämlich einst nicht nur ein großer Naturforscher, sondern auch ein erfolgreicher Kurdirektor. Er hatte Ende des 19. Jahrhunderts im Harz den Jungborn − einen „Luftkurort, Lehranstalt für naturgemäße Heil- und Lebensweise“ − eröffnet. Dort kurten bald schon die Reichen, Schönen und Intellektuellen, darunter etwa die Schauspieler Marika Rökk und Hans Albers oder Anthroposoph Rudolf Steiner. „Franz Kafka hat im Jungborn eine Schreibblockade überwunden“, erzählt Ariane Kaestner.
Die Kur bestand aus Bewegung, Sonnenlicht, frischer Luft, Wasserbehandlungen, gesunder Ernährung und Anwendungen mit heilender Erde. Medical-Wellness nenne man so etwas heute, sagt Kaestner. Seitdem einige Biohotels die Naturkosmetik im Kosmetik- und Wellnessbereich verwenden, denkt die junge Unternehmerin öfter darüber nach, welches moderne Potenzial in der altehrwürdigen Heilerde noch stecken könnte – als Spa-Produkt.
Steckbrief
Name: Heilerde-Gesellschaft Luvos Just
Gegründet: 1918 in Blankenburg (Harz)
Firmensitz: Friedrichsdorf in Hessen bei Bad Homburg
Mitarbeiter: 15
Produkte: Heilerde-Pulver in drei Feinheitsgraden zur innerlichen bzw. äußerlichen Verwendung, darüber hinaus Heilerde in Kapseln sowie Naturkosmetik mit Pulver- und Crememasken: Feuchtigkeits-Maske, Anti-Stress-Maske, Anti-Aging-Maske, Soft-Peeling-Maske und klassische Luvos-Gesichtsmaske mit Heilerde und Jojobaöl sowie ein aufbauendes Gesichtsfluid
Homepage: www.luvos.de
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