Heilen mit Yoga
Yoga kann viel mehr sein als Körperübungen und Meditation. Inzwischen wird es auch sehr erfolgreich zur Therapie unterschiedlicher Krankheiten eingesetzt – in Ergänzung zur Schulmedizin. // Von Gisa Bührer-Lucke
Entspannung, Stressabbau, mehr Körperbeweglichkeit – alles Gründe für die Yoga-Matte. Etwa drei Millionen Menschen in Deutschland zieht es regelmäßig in Yogakurse oder Seminare. Der moderne Mensch, der sein Leben nahezu sitzend verbringt, sehnt sich nach einer Entkrampfung des Körpers, nach Entlüftung des gedankenschweren Gehirns, nach einer Leichtigkeit der Seele. Hierfür ist Yoga wie geschaffen. Doch die indische philosophische Lehre kann viel mehr. Sie hat unbestritten eine positive Wirkung auf die Gesundheit und wird daher auch gezielt zur Unterstützung medizinischer Therapien eingesetzt oder sogar als Alternative.
Eine dieser Alternativen ist der Hormon-Yoga, entwickelt für Frauen mit Wechseljahrproblemen. Studien ergaben, dass der Hormonspiegel der teilnehmenden Frauen innerhalb von vier Monaten um 254 Prozent gestiegen ist – ohne Tabletten. Allein spezielle Yoga-Techniken stimulierten die Eierstöcke zu vermehrter Östrogenproduktion. Mit Atemübungen wurde die Hypophyse angeregt, die für die Regulierung des Hormonhaushaltes zuständig ist. Ein ähnliches Ziel, nämlich die Harmonisierung des weiblichen Zyklus‘ wird beim Luna-Yoga verfolgt, wo mit Trance- und Traumreisen sowie Entspannung und Tänzen gearbeitet wird.
Mit Fitness oder körperlicher Entspannung hatte Yoga zunächst nichts zu tun. Das änderte sich erst in den 1920er-Jahren.
Weltweit gibt es weitere Studien, die den Erfolg von Yoga bestätigen. Von Patienten mit chronischen Rückenschmerzen etwa benötigten nach dreimonatiger Therapie mit bestimmten Dehn- und Kräftigungsübungen nur noch 21 Prozent Schmerzmittel, 79 Prozent konnten danach gänzlich auf Tabletten verzichten. Auch bei Bluthochdruck kann Yoga helfen. Und in der Migränetherapie ergaben Studien eine ähnliche Erfolgsbilanz: Nach dreimonatigen Übungseinheiten gingen die Migräneattacken der Probanden deutlich zurück, die Schmerzintensität ließ nach und sie benötigten weniger Schmerzmittel.
Selbst bei einer unheilbaren Erkrankung wie Multiple Sklerose kann Yoga einen erstaunlichen Effekt haben. Durch die Übungen wird die Körperwahrnehmung geschärft, was zu mehr Freude an der Bewegung und zu einem allgemeinen Wohlbefinden führt. Asthma-Patienten profitieren, da die natürliche Atmung eines der zentralen Themen des Yoga ist. Untersuchungen bestätigen, dass sich bei konsequenter Durchführung von Atemübungen das Lungenvolumen vergrößert und ein höherer Gasaustausch stattfindet.
Der Weg zur Medizin
Dabei war Yoga ursprünglich keineswegs als Heilanwendung konzipiert. Yoga ist eine jahrtausendealte Wissenschaft, eine Philosophie, deren Wiege in Indien stand, und hatte von Anfang an ein rein spirituelles Ziel: das Einswerden, das Verschmelzen mit dem was man tut, fühlt und empfindet. Und am Ende eines jahre- oft lebenslangen Weges sollte die Erleuchtung stehen.
Mit Fitness oder körperlicher Entspannung hatte Yoga nichts zu tun. Das änderte sich erst in den 1920er-Jahren, als immer mehr Psychologen und Mediziner Interesse an der fernöstlichen Lehre zeigten. Prominentes Beispiel ist der Neurologe Johannes Heinrich Schultz (1884 -1970), der um 1920 das Autogene Training entwickelte, das er zum großen Teil aus dem Yoga herleitete. Damit war das Tor in den Westen geöffnet und Yoga bekam eine andere Bedeutung. Statt Spiritualität rückten nun Körperübungen (Asanas), Atem praktiken (Pranayamas) und Tiefenentspannung (Raj Asanas) ins Zentrum. Und so bekam die einstige Philosophie ihren Platz in der Medizin.
Yoga ist Meditation in Bewegung, verbunden mit Atemübungen und damit in der Lage, unseren Körper umfassend zu revitalisieren. Unser täglicher Begleiter Stress – aus dem sich viele Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Probleme, Herzinfarkt, Schlaflosigkeit oder Migräne ableiten – kann durch Yoga abgebaut oder zumindest gemildert werden. Yoga sorgt für eine verbesserte Durchblutung bis in die einzelnen Zellen hinein. Der Stoffwechsel wird angeregt, wodurch Schadstoffe effizienter ausgeschieden werden. Die Übungen können eine ausgleichende Wirkung sowohl auf unser Nervensystem als auch auf den Hormonzyklus haben.
Durch die Asanas wird das Körperbewusstsein sensibilisiert. Diese Erkenntnis führt dazu, dass Verspannungen oder Stress rechtzeitig erkannt werden und man gegensteuern kann. Insbesondere Atemübungen setzen ein Beruhigungspotenzial frei, von dem die Psyche enorm profitieren kann. Ängste können abgebaut werden. Der aufgeregte, flatternde Geist wird durch Meditation in einen angenehmen Ruhezustand versetzt. Diese umfassende Ruhe und der Entspannungszustand lassen die inneren Organe ebenfalls zur Ruhe kommen, sie können besser arbeiten. Das Herz schlägt nicht mehr heftig, sondern ruhig und kraftvoll. Das Blut fließt gleichmäßig. Die Atmung wird tief und langsam, statt kurz, flach und hektisch. Das alles führt zu einer verbesserten Sauerstoffzufuhr nicht nur in der Lunge, sondern im gesamten Organismus des Körpers.
Bücher oder DVDs können zwar ergänzen, aber einen Lehrer nicht ersetzen. Als Präventionsmaßnahme werden Yoga-Kurse übrigens von den Krankenkassen entweder ganz oder teilweise finanziert.
Die verschiedenen Yoga-Stile
Der moderne Yoga ist heute zwar weitaus körperbetonter, schult jedoch ebenfalls den Geist und wird unter dem Begriff Hatha-Yoga zusammengefasst. Daraus haben sich inzwischen eine ganze Anzahl von Yoga-Stilen entwickelt:
- Kundalini-Yoga ist ein klassischer Hatha-Yoga aus Indien mit intensiven Körper- und Atemübungen und Mantra-Singen. Auch Lebensführung und Ernährung werden gelehrt.
- Power-Yoga wurde in den USA entwickelt und ist ein sehr kraftvoller, körperbetonter Yoga-Stil, der vor allem die Fitness in den Mittelpunkt stellt.
- Iyengar-Yoga ist ebenfalls ein körperbetonter Yoga mit teilweise akrobatischen Übungen, und somit für Anfänger oder Menschen, die unter Rücken- oder anderen körperlichen Problemen leiden, ungeeignet.
- Kriya-Yoga ist vor allem auf Meditation und geistige Schulung ausgerichtet.
- Integraler Yoga ist ebenfalls ein geistig bestimmter Yoga-Stil, der Meditation und Selbsterfahrung ins Zentrum stellt.
- Vini-Yoga wird bevorzugt therapeutisch im Einzelunterricht eingesetzt und kommt für Menschen mit speziellen gesundheitlichen, häufig psychischen, Problemen in Frage.
- Ashtanga-Yoga ist sehr dynamisch und bewegungsorientiert und zählt zu den schwierigsten Formen des Yoga, da es eine ausgefeilte Atemtechnik voraussetzt, die in Synchronisation mit den Körperübungen abläuft.
- Bikram-Yoga, auch als Hot Yoga bekannt, ist ebenfalls stark bewegungsorientiert und beinhaltet 26 Asanas und zwei Pranayamas, die in einem aufgeheizten Raum (35 bis 40 Grad) durchgeführt werden. Pro Übungseinheit (90 Minuten) werden angeblich bis zu 680 Kalorien verbraucht. Darum sind Bikram-Yoga und Ashtanga-Yoga die beiden einzigen Stile, denen man einen Abnehmeffekt nachsagt.
- Shivananda-Yoga basiert auf fünf Pfeilern: Asanas, Pranayamas, Meditation, Tiefenentspannung und Ernährung.
- Jivamukti-Yoga ist eine abgewandelte Form des Ashtanga-Yoga und wurde 1984 in den USA entwickelt. Hauptaugenmerk liegt auf fließenden, nahezu tänzerischen Bewegungen. Im spirituellen Teil werden Mantras gesungen.
„Yoga-Therapie aktiviert die Selbstheilungskräfte“
Mahashakti Uta Engeln lehrt seit 2003 Yoga und ist verantwortlich für den Bereich Yoga-Therapie im Seminar- und Ausbildungszentrum Yoga Vidya in Bad Meinberg. www.yoga-vidya.de
Wie kann Yoga schulmedizinische oder auch naturheilkundliche Behandlungen unterstützen?
Die Yoga-Therapie besteht, wie jede andere naturheilkundliche Therapie auch, aus drei Schritten. Zunächst geht es um eine absolute Entspannung. Nur ein entspannter Körper kann auch heilen. Durch Yoga ist eine tiefere Entspannung möglich als durch Schlaf. Der zweite Schritt ist die Reinigung. Vorhandene Blockaden sollen beseitigt werden. Dabei geht es auch um eine emotionale Reinigung. Yoga kann unangenehme Erlebnisse zutage fördern. Manchmal weinen Menschen während der Übungen und wissen zunächst gar nicht warum. Yoga hilft, Dinge loszuwerden. Im dritten Schritt der Therapie werden die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert. Auch die, die physisch für eine Heilung nötig sind. Yoga lenkt die Lebensenergie dahin, wo sie benötigt wird.
Kann Yoga unter Umständen eine schulmedizinische Behandlung ersetzen?
Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass Yoga eine Ergänzung ist. Bei einem Herzinfarkt beispielsweise hilft Turnen nicht. Aber gerade, wenn es um psychosomatische oder chronische Erkrankungen geht, ist Yoga ganz stark. Bei einer chronischen Gastritis kann Yoga erstaunliche Heilungseffekte erzielen.
Wo ist Yoga therapeutisch besonders erfolgreich?
Immer bei chronischen oder psychosomatischen Erkrankungen, da es auch darum geht, einen gesünderen Lebensstil zu erlernen. Und in Ergänzung zur Schulmedizin oder Naturheilkunde. Beides sind für die Yoga-Therapie perfekte Partner. Daher kommen auch immer öfter Ärzte in unser Seminarzentrum, um Yoga-Therapie zu erlernen.
Selbst bei Krebs soll Yoga schon erfolgreich eingesetzt worden sein.
Krebs kann 1000 verschiedene Gründe haben. Aber es ist häufig auf eine extreme Übersäuerung und einen Sauerstoffmangel der einzelnen Zellen zurückzuführen. Kurz gesagt: In der Yoga-Therapie werden die Zellen mit Sauerstoff geflutet, was sich äußerst günstig auf den Heilungsprozess auswirkt.
Weitere Informationen
Bücher
- Anna Trökes, Detlef Grunert: Das Yoga Gesundheitsbuch. Mit Yoga und Ayurveda gezielt Beschwerden heilen. Gräfe und Unzer. 240 Seiten. 22,90 Euro.
- Imogen Dalmann, Martin Soder: Warum Yoga. Über Praxis, Konzepte und Hintergründe. Verlag Viveka. 86 Seiten. 9,50 Euro.
- Remo Rittiner: Das große Yoga- Therapiebuch. Yogapraxis für die Gesundheit und einen klaren Geist. Verlag Via Nova. 208 Seiten. 24,95 Euro.
Internet
www.yoga.de
www.yoga-info.de
www.byz.de
www.yogatherapie-portal.de
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