Kann billig
gut sein? 
Auch in Discountern gibt es günstige Naturkosmetik. Der Preis hat seine Gründe. cosmia erklärt, wo gespart wird. // Von Leo Frühschütz
Ein bekannter Discounter vertreibt zweimal im Jahr Naturkosmetik als Aktionsware. Eine Tube Körperbalsam Aprikosen-Orangenblüte kostet dort 2,49 Euro. Im Bio-Markt bezahlt man für die günstigsten Tuben der gleichen Größe vier bis fünf Euro. Die Bodylotion Aprikose einer bekannten Naturkosmetik-Marke wird dort für sieben bis acht Euro angeboten. Angesichts solcher Preisunterschiede rätselt manche Kundin, ob sich hier jemand eine goldene Nase verdient oder ob die Billig-Naturkosmetik nichts taugt. „Weder noch“ lautet die Antwort − es ist ein wenig komplizierter.
Die meisten der Naturkosmetik-Handelsmarken in Discountern und Drogeriemärkten tragen das BDIH-Logo für zertifizierte Naturkosmetik.
Sie verzichten also auf Zutaten aus der Erdölchemie, synthetische Farb- und Duftstoffe sowie eine ganze Reihe wenig verträglicher Zutaten. Insofern bieten sie eine günstige und glaubwürdige Alternative zu den konventionellen Kosmetika in diesen Geschäften.
Der BDIH gibt aber nur Mindeststandards vor. Diese lassen den Herstellern bei der Rezeptur und der Qualität der einzelnen Zutaten einen großen Spielraum. Den kann man nutzen, um besonders hochwertige Produkte herzustellen oder um die Preise niedrig zu halten. Ersichtlich wird das oft nur im Kleingedruckten der Deklaration.
Bio oder konventionell?
Der BDIH schreibt nur für insgesamt 15 Öle und Heilkräuter vor, dass sie aus Öko-Landbau stammen müssen. Mandelöl, Aprikosenkernöl und teure Samenöle zum Beispiel dürfen konventioneller Herkunft sein. Alkohol und ätherische Öle müssen nicht aus Bio-Rohstoffen destilliert werden. Bei Markenprodukten weist ein Sternchen auf jede Zutat hin, die aus ökologischem Landbau stammt. Einige preisgünstige Naturkosmetika verzichten auf diesen Hinweis. So fällt es nicht auf, dass nur ein oder zwei Zutaten „bio“ sind.
Günstig oder hochwertig?
„Besonders hochwertige Zutaten wie Rosenöl oder Granatapfelsamenöl werden Sie in preisgünstigen Produkten nicht finden“, sagt Liane Jochum, die in ihrer Academia Balance Naturkosmetikerinnen ausbildet. Ein Beispiel dafür bieten einige günstige Rosen-Naturkosmetika. Sie enthalten nur vergleichsweise günstiges Rosenblütenwasser, nicht aber teures Rosenöl, das in hochwertigeren Naturkosmetikcremes enthalten ist. Zwar steht im Zutatenverzeichnis der günstigen Produkte oft auch Wildrosenöl. Doch dieses Öl stammt nicht aus Rosenblüten, sondern aus den Kernen der Hagebutte. Es enthält viele essenzielle Fettsäuren, hat aber mit Rosenblütenöl nichts zu tun. Kosten spart auch, wer für die Grundlage einer Creme güns–tiges Sojaöl verwendet. Wirbt ein Produkt mit beliebten Zutaten wie Mandelöl oder Aloe vera, zeigt ein Blick auf die Zutatenliste, welchen Stellenwert die ausgelobte Zutat tatsächlich hat. Je weiter hinten sie in der Liste steht, des–to weniger davon ist drin.
Echter Duft?
Für Naturkosmetika dürfen ätherische Öle fraktioniert, also in verschiedene Duftkomponenten zerlegt werden. Steht nur „Parfum“ in der Zutatenliste, handelt es sich meist um eine Mischung aus solchen Duftbausteinen. Wer natürliche ätherische Öle verwendet, schreibt dies auch dazu, denn er hat dafür viel Geld ausgegeben, insbesondere, wenn es Bio-Düfte sind.
Rein oder verarbeitet?
Cremes und Lotionen lassen sich aus Ölen herstellen oder aus verarbeiteten Zutaten. Dann stehen Zutaten wie Caprylic/Capric Triglyceride oder Glyceryl Stearate weit vorne in der Liste. Diese stammen durchwegs aus konventionell angebauten Rohstoffen und sind deshalb günstiger als reine Bio-Öle. „Das komplette Öl hat wahrscheinlich eine größere Wirkung als die aufgereinigten verarbeiteten Zutaten“, sagt Liane Jochum dazu.
Um deutlich zu machen, dass sie höhere Ansprüche an ihre Produkte stellen, haben namhafte Naturkosmetik-Hersteller das Natrue-Label gegründet. Um zwei oder gar drei Natrue-Sterne zu bekommen, muss man, was Zutaten und Rezepturen angeht, mehr tun als der BDIH vorgibt.
Mehr, als auf ein Logo passt ...
Doch nicht nur die Zutaten machen den Unterschied. Die Markenhersteller wenden viel Geld auf für Produktentwicklung, Kundeninformation und Beratung. Darauf verzichten die Anbieter von günstigen Handelsmarken völlig. Sie lassen ihre Produkte bei Lohnherstellern fertigen und konzentrieren sich in der Regel auf Basiskosmetika und etablierte Wirkstoffe.
Liane Jochum liegt noch ein weiterer Unterschied am Herzen: „Viele Naturkosmetik-Firmen haben eigene Fairtrade-Projekte für wichtige Rohstoffe und achten darauf, dass die Bauern ordentlich bezahlt werden.“ Denn zu echter Naturkosmetik gehört mehr als auf ein Logo passt.
Masse oder Beratung
Dass Discounter billiger sind als Fachgeschäfte gilt für alle Produkte – nicht nur für Naturkosmetik. Weil sie an Ausstattung, Auswahl und Personal sparen, können Discounter ihre Produkte güns–tiger anbieten. Eine ausgefeilte Logistik trägt ebenfalls dazu bei. Die geringe Gewinnspanne je Produkt wird durch den massenhaften Absatz wieder wettgemacht. Und wer bei den Herstellern große Mengen abnimmt, kann mit Erfolg Rabatt verlangen.
Der Fachhandel hingegen zeichnet sich aus durch kompetente und personalintensive Beratung sowie durch ein breites Sortiment mehrerer Marken. Beides kostet Geld. Hinzu kommt eine oft zweistufige Logistik. Die meisten Hersteller liefern an mehrere Großhändler, die wiederum viele kleine Fachgeschäfte versorgen. Die Mengen sind deutlich kleiner als bei Discountern. Trotzdem bieten auch die Bio-Läden und Naturkosmetik-Fachgeschäfte preisgünstige Basisprodukte an. Das können Handelsmarken bestimmter Großhändler oder Filialisten sein, aber auch günstige Serien bekannter Hersteller.
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