Kolumne
Bitte recht unfreundlich!
Jetzt ist es passiert: Mein Liebster wünscht sich ein Bild von mir! Zum Valentinstag. Ein Bild! Warum nicht mein Haus, mein Auto − oder gleich eine Niere? Nein, alles, nur kein Foto!
Wahrscheinlich war diese Gruppenaufnahme an Tante Agathes Sechzigstem schuld. „Bitte recht freundlich!“ Ich war die Einzige, die sich gedankenverloren über die Lippen leckte und just in dem Moment geblinzelt hat, als der Auslöser klickte. Das Ergebnis war verheerend. „Wer ist das denn?“, fragte meine Mutter später missbilligend und tippte ohne ein Zeichen des Erkennens auf die lallende Frau in der zweiten Reihe. Man soll seine Mutter nicht anlügen, also beschränkte ich mich auf ein kleinlautes „Hm“. Und unterdrückte die feige Entgegnung: „Das war Cousine Cora nach zwei Flaschen Eierlikör!“ Tja, und da hab ich ihn mir eingefangen, meinen pathologischen Knipsknacks.
Denn seitdem geht vor Kamera oder Fotohandy gar nichts mehr. „Bitte recht freundlich!“ Ich tue mein Bestes, aber das reicht nicht. Ich bin so vom Grinsegrauen hypnotisiert, dass ich mit entblößten Zähnen rotäugig wie ein Albinokaninchen in die Kamera starre − zum Schnappschuss freigegeben.
Da ist guter Rat nicht teuer, aber sinnlos. Wie viele Tipps habe ich mir nicht schon ergoogelt: „Zu schmale Lippen? Nehmen Sie einfach Ihre Zunge leicht zwischen die Zähne − schon sehen die Lippen auf den Bildern größer aus. Auch ein Doppelkinn ist nicht mehr sichtbar, wenn Sie die Zunge leicht gegen Ihren Gaumen drücken.“
Also, wie war das noch mal? „Wenn man fotografiert wird, sollte man zuerst seine Gesichtsmuskeln durch Grimassenschneiden dehnen und danach entspannen. Dann achtet man darauf, dass die Zähne von Ober- und Unterkiefer keinen Kontakt haben und drückt die Zunge so nach vorne, dass sie alle Zähne von Ober- und Unterkiefer berührt …“
Ich habe alles ausprobiert, der Effekt ist sensationell. Vorausgesetzt, man wird nicht schon beim Grimassenschneiden erwischt und schafft es, die Augen möglichst lange weit offen zu halten, sieht man aus wie ein panischer Affe, der sich eine Banane quer in den Mund geschoben hat. Mit üppigem Kussmund, versteht sich.
Die gute Nachricht ist: Ich bin nicht allein. Schon mal beobachtet? Mindestens 50 Prozent aller Frauen reagieren auf Fotoversuche mit Verstörung und Fluchtreflexen − ein neues Syndrom, passend zum Medienzeitalter. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die Medizin sich mit dem Thema befasst. Mein Vorschlag wäre die Etablierung von Fototherapeuten, Spezialisten für chronischen Handy-Horror, akuten Schnappschuss-Schock, Authentizitäts-Lähmung und Kokettierkrämpfe aller Art.
Dann ist Schluss mit frustig. Einmal im Jahr gehen wir alle zum „Cheese“-Check, und schon sind maligne Blitzlicht-Blockade, Modelmumps und Pixelpanik kein Thema mehr. Traumatisierte Retuschekandidaten werden mit Schokoladenseiten-Tropfen und Dr. Scheys Egalkapseln behandelt, für Anhänger der Alternativmedizin gibt es Flirtfaktor in Milchzucker, alle 2 Stunden 5 Kügelchen, und die praktische Ganzkörperkapuze auf Kassenrezept.
Versuchen Sie es − für mich ist schon die Vorstellung heilsam! Und wenn mein Liebster wirklich ein Bild von mir will, dann mal ich ihm eins. Das geht sogar mit geschlossenen Augen, ich habe es ausprobiert .
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