Alles im „Qi“-Fluss?
Gerade bei chronischen Krankheiten kann die chinesische Medizin eine echte Alternative zur Schulmedizin sein. Die Akupunktur ist dabei nur eine von fünf Säulen der TCM. // Von Silvia Liebermann
Seit ihrem schweren Autounfall war der Schmerz ständiger Begleiter für die Münchnerin Jeanette Seidl – beim Gehen, Sitzen oder Liegen. Neunmal wurde sie operiert, die Schmerzen blieben. Sie müsse eben damit leben, sagten ihr die Ärzte schließlich. Doch die heute 44-Jährige wollte sich nicht damit abfinden – und fand Hilfe bei der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). „Zum ersten Mal hat man mich als Person behandelt und nicht nur ein Symptom”, sagt sie.
Jeanette Seidl ließ sich in einer TCM-Klinik behandeln. Sie trank ungewohnt schmeckende Abkochungen aus chinesischen Heilpflanzen, bekam Akupunktur, erlernte die Bewegungsformen des Qi Gong. Drei Wochen dauerte es, bis sie sich besser fühlte. Zu Hause trank sie weiter die verordneten „Dekokte“, wie die Kräuterabkochungen heißen. Inzwischen ist sie fast schmerzfrei.
Gar nicht so sanft
So wie sie schätzen immer mehr Deutsche die fernöstliche Heilkunst. Doch ist diese wirklich so sanft, wie wir häufig meinen? „Nein“, sagt Dr. Christian Schmincke, Chefarzt der auf TCM spezialisierten Klinik am Steigerwald im nordbayerischen Gerolzhofen. „Es ist eine unsanfte Medizin, die den Anspruch erhebt, dass sie bei chronischen Krankheiten in vielen Fällen an die Wurzeln geht.“
Zu Beginn der Behandlung geht es einigen Patienten zunächst sogar schlechter: Manche werden müde, anderen wird schlecht – die sogenannte Erstverschlimmerung. Dafür hat die chinesische Medizin, die sich rein natürlicher Heilmittel bedient, einen großen Vorteil: Es gibt in der Regel keine dauerhaften Nebenwirkungen – im Gegensatz zur westlichen Schulmedizin. „Es ist eine Medizin, die sich verantwortlich fühlt dafür, wie es dem Patienten noch nach fünf Jahren geht“, sagt Christian Schmincke.
Bitte Zunge rausstrecken!
An die chinesischen Untersuchungen musste sich Jeanette Seidl erst mal gewöhnen. Wer beantwortet schon gerne täglich Fragen nach Stuhlgang und Wasserlassen – und streckt dem versammelten Ärzteteam die Zunge zur Begutachtung heraus? Ein chinesisch ausgebildeter Arzt verlässt sich bei der Untersuchung vor allem auf seine Sinne: Er muss Befragen, Beobachten, Hören, Riechen, die Zunge betrachten und den Puls fühlen. 32 verschiedene Pulsqualitäten unterscheidet die TCM: von tief über drahtig bis schlüpfrig.
Die chinesische Medizin beruht auf fünf Säulen: Arzneitherapie, Akupunktur und Moxibustion (Erwärmung von Körperpunkten), Tuina-Massage, Ernährungslehre und Qi Gong. Bei der Akupunktur setzt der Arzt oder Heilpraktiker feine Nadeln, um den Fluss des Qi, der Lebensenergie, zu regulieren und Blockaden, die sich als Schmerzen äußern können, zu lösen. Während die Akupunktur in Deutschland die bekannteste Methode ist, spielt sie in China eher eine Nebenrolle in der gesamten Behandlung. Dort stehen die Arzneimittel im Mittelpunkt. Diese kommen ausschließlich aus dem Fundus der Natur, mit Rezepturen aus getrockneten Pflanzenteilen wie Wurzeln, Blättern oder Blüten, seltener auch aus mineralischen oder tierischen Bestandteilen. Geschützte Arten werden dabei in Deutschland nicht verwendet.
Keine Symptombehandlung
Diese Arzneitherapie hat sich über mehrere Jahrtausende entwickelt. Dabei behandelt man nur selten ein bestimmtes Symptom, sondern den gesamten Menschen. Während wir im Westen darauf schauen, ob die einzelnen Organe in Ordnung sind, geht es in der chinesischen Medizin darum, dass der „Qi-Fluss“, der Energiefluss, stimmt.
Der Arzt und TCM-Fachbuchautor Dr. Carl-Hermann Hempen erklärt es mit folgendem Bild: „Eine Stadt kann aus schönen einzelnen Häusern bestehen. Doch wenn die Verkehrswege oder die Wasserleitungen dauerhaft blockiert sind, wenn im Winter die Wärmezufuhr ausfällt, funktioniert das Leben in der Stadt nicht mehr. Die Funktionen müssen gut sein.“
Die chinesische Medizin kennt keine Organe in unserem Sinn, sondern Funktionskreise, die dem System der beiden gegensätzlichen Kräfte Yin und Yang zugeordnet werden. Das Gleichgewicht dieser beiden Kräfte sowie die Einheit von Körper, Geist und Seele gelten als Schlüssel zur Gesundheit.
Damit es erst gar nicht zu Blockaden im Körper kommt, setzt die TCM besonders auf eine gesunde Lebensweise und Prävention. Die chinesische Ernährungslehre spielt dabei eine wichtige Rolle. Grundlagen sind auch hier die gegensätzlichen Kräfte Yin und Yang, die verschiedenen Speisen zugeordnet werden. Zudem basiert jedes Nahrungsmittel auf einem der chinesischen Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser.
Gute Vorsätze im Familienalltag
Jeanette Seidl machte allerdings die Erfahrung, dass die östliche Ernährungslehre nicht immer leicht im westlichen Familienalltag umzusetzen ist. Ausgerüstet mit vielen guten Vorsätzen und einem Buch über das ‚Kochen nach den fünf Elementen’ kam sie nach ihrem Klinikaufenthalt nach Hause. Doch weder ihr Sohn noch ihr Ehemann konnten sich für die gesunden, oft fleischlosen Gerichte begeistern, die sie ausprobierte. „Da spielen meine Männer leider meistens nicht mit“, sagt sie lächelnd.
Buchtipp:
Fritz Friedl: Das Gesetz der Balance. GU. 192 Seiten. 19,90 Euro
Suche nach TCM-Therapeuten und Akupunkteuren:
AGTCM (Arbeitsgemeinschaft für klassische Akupunktur und TCM)
www.agtcm.deTCM-kliniken:
Klinik am Steigerwald (Gerolzhofen), Tel: (0 93 82) 94 90,
www.tcmklinik.deKlinik Silima (Riedering im Chiemgau), Tel: (0 80 36) 30 90,
www.klinik-silima.deTCM Klinik Kötzting, Tel: (0 99 41) 60 90,
www.tcm-klinik-koetzting.de
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