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„Das ist ethisch nicht vertretbar“

Dr. Irmela Ruhdel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Akademie für Tierschutz und Tierversuchsexpertin des Deutschen Tierschutzbundes.

Im Rahmen der EU-Chemikalienverordnung REACH werden Tausende Chemikalien neu bewertet. Wie viele Tiere müssen dafür sterben?

RuhdelDie EU-Kommission geht seit den Beratungen über REACH davon aus, dass für die Chemikalientests rund neun Millionen Wirbeltiere gebraucht werden. Im Herbst 2009 haben Toxikologen eine Schätzung vorgelegt, wonach REACH innerhalb von zehn Jahren bis zu 54 Millionen Wirbeltieren das Leben kosten wird.

Welche Zahl halten Sie für realistisch?

Wir Tierschutzorganisationen halten die höhere Zahl für realistischer.  

Bisher sind bei der EU-Chemikalienagentur 143 000 Chemikalien vorregistriert worden. Wie viele davon werden auch in Kosmetika eingesetzt?

Das kann man nur grob abschätzen. In der EU-Datenbank CosIng sind rund 15 000 Kosmetikinhaltsstoffe aufgelis­tet. Die meisten davon dürften von den Herstellern auch bei der Chemikalienagentur angemeldet worden sein.

Als REACH beschlossen wurde, versprach die EU, die Entwicklung tierversuchsfreier Testverfahren voranzutreiben. Hat sie das getan?

 Die EU fördert die Entwicklung einiger Alternativmethoden, zum Beispiel zu schädlichen Wirkungen auf die Fortpflanzung. Die EU tut also einiges, aber es geht viel zu langsam voran.

Woran liegt das?

Neue Testmethoden zu entwickeln ist ein komplexer und lang­wieriger Pro­zess. Hinzu kommt, dass die wissenschaftliche Messlatte bei Alternativmethoden viel höher gelegt wird, als es bei den Tierversuchen, die sie ersetzen sollen, je der Fall war.

Und wenn eine alternative Methode wissenschaftlich anerkannt wurde, dann dauert es meist noch Jahre, bis sie sowohl in der EU anerkannt wird als auch von der OECD, also der Gemeinschaft aller Industriestaaten. Uns sind diese bürokratischen Verfahren ein Dorn im Auge.

Dann wird es vermutlich für die drei in der Kosmetikverordnung als Ausnahme erlaubten Tests bis 2013 keine anerkannten Alternativen geben?

Das ist zu befürchten. Deshalb müssen wir den Druck auf alle Beteilig­ten aufrecht erhalten, dass sie mehr Geld für die Forschung zur Verfügung stellen und die entwickelten Alternativen schneller anerkennen. Die Ausnahmeregelungen dürfen nicht weiter verlängert werden. Die Bürger haben kein Verständnis dafür, dass sechs Jahre nach Verabschiedung des ersten EU-Tierversuchsverbotes solche Tierversuche immer noch zugelassen werden. Es gibt schon lange weit mehr kosmetische Inhaltsstoffe als nötig. Da ist es ethisch nicht vertretbar, mithilfe qualvoller Tierversuche immer neue Stoffe auf den Markt zu bringen.

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