Düfte, Gifte, Lippenstifte
Reisen Sie mit uns durch die Geschichte der Kosmetik. Prominente Beispiele: Soulsängerin Amy Winehouse und die ägyptische Königin Nofretete. Zwischen ihnen liegen 3300 Jahre, doch sie haben eines gemeinsam: ihren Lidstrich. // Von Sabine Kumm
Nichts Neues unter der Sonne also: Augen waren, ebenso wie auch die Lippen, seit jeher Hauptgegenstand der dekorativen Kosmetik. Dass die Ägypter beiderlei Geschlechts darüber hinaus bereits ausgedehnte Körperpflege betrieben, üppige Düfte liebten und großen Wert auf haarlose Sauberkeit legten, wissen wir aus den schriftlichen Überlieferungen alter Rezepturen. Vermutlich kannten sie sogar schon einfache Destilliervorrichtungen zur Gewinnung ätherischer Öle.
Offenbar spielte Schönheit damals eine Rolle über das Leben hinaus. Grabbeigaben − Gegenstände des täglichen Lebens wie Spiegel, Rasiermesser, Schminkpaletten und Gefäße zur Aufbewahrung verschiedener Öle und Salben − sind wie ein Blick durchs Schlüsselloch der Kosmetikgeschichte. So wissen wir: Die Ägypter färbten sich Wangen und Lippen mit Zinnober und rotem Ocker, Haare, Fuß- und Fingernägel mit Henna und kauten für die Mundhygiene frische Kräuter. Kajal sorgte für die schwarze Umrandung der Augen und pulverisierter Malachit lieferte das Grün für den Lidschatten.
So viel Lust am Schönsein ist ansteckend und so stieg bald der Bedarf an Duftstoffen und exotischen Ölen und Harzen auch bei den Griechen und Römern der Antike ins Unermessliche. Auch wenn die Seife sich zu ihrer Zeit erst langsam durchzusetzen begann und die eigentliche Körperreinigung mit halbrunden Schabern erfolgte, badeten sie in parfümiertem Wasser, salbten Körper und Haare, bedufteten ihre Kleider und Betten ebenso wie ihre Sklaven und Pferde, ihre Häuser, Zelte und Sänften. Sogar Caesars Soldaten sollen da keine Ausnahme gemacht haben – was für ein pikanter Gegensatz zu ihren Feinden, den Germanen, bei denen das Einreiben mit ranziger Butter als das höchste der kosmetischen Gefühle galt.
Bei römischen Frauen standen blasse Haut und Anti-Aging-Maßnahmen hoch im Kurs. Poppaea, die zweite Frau des römischen Kaisers Nero, soll sich zum Beispiel gern mit einer Gesichtsmaske aus Erbsenblüte, Gerstenmehl, Eiern, Narzissenzwiebeln und Honig gezeigt haben, die anschließend mit Eselsmilch wieder abgewaschen wurde. Um täglich in der Milch baden zu können, hielt sie sich 500 Eselinnen. Einer ihrer Zeitgenossen, der römische Dichter Ovid, hatte in puncto weiblicher Schönheitspflege seine eigene Meinung: „Niemals komme das Töpfchen zur Schau, das die Schönheit bewahrt dem Geliebten. Es hilft nur die verheimlichte Kunst. Alles dienet der Schönheit, doch ist’s kein reizvoller Anblick, das entstehen zu seh’n, was nur entstanden gefällt. Besser ist’s, er schläft, derweil du dich schmückst. Nach vollendetem Putz stehst du, ein Meisterwerk, da.“
Gegen Eitelkeit und Putzsucht
Mit dem Herausputzen war es in den folgenden Zeiten der Völkerwanderungen erst einmal vorbei. Das aufkommende Christentum verurteilte Eitelkeit und „Putzsucht“ als sündhaft und setzte auf innere Werte. Erst mit den Kreuzzügen im 12. und 13. Jahrhundert gelangte das alte antike Wissen, mittlerweile weiter entwickelt und verfeinert, wieder nach Europa zurück. Wissenschaft, Heilkunst und auch die Kosmetik fanden im Lauf der Renaissance den Weg auch in breitere Bevölkerungsschichten.
Kräftiges Rot für Lebensfreude
Das 17. und 18. Jahrhundert war die Zeit des Barock und der großen Höfe. Vor allem in Frankreich galten rote Wangen und kräftig rot gefärbte Lippen als Zeichen von Genuss und Lebensfreude. Auch die Gesichtsaufheller aus Bleiweiß, die bereits in der Antike angewendet worden waren, kehrten auf die Toilettentische zurück. Das basische Bleicarbonat konnte sich im Körper anreichern und Geschwüre verursachen, die nur schwer wieder heilten; es führte zu Lähmungen und manchmal sogar zum Tod. Parfüm wurde tonnenweise verbraucht, denn der Hof des Sonnenkönigs Ludwig des XIV. stank zum Himmel. Es gab kaum Toiletten oder Bäder, man puderte und parfümierte sich, um über die mangelnde Körperhygiene hinwegzutäuschen. Nicht lange, und die Französische Revolution ließ die modisch blassen Köpfe rollen.
Das 19. Jahrhundert brachte die Industrialisierung und mit ihr das Ende der reinen Naturkosmetik. Zum ersten Mal gab es industriell gefertigte Kosmetika mit teilweise synthetischen Pigmenten und Inhaltsstoffen. Moderne Zeiten – kaum hatte sich das Jahrhundert gewendet, wurde das erste künstliche Haarfärbemittel erfunden, der erste kommerzielle Lippenstift und die erste Wimperntusche kamen auf den Markt, und ein neues Spezial-Make-up für Filmschauspielerinnen sorgte für tiefgründige Blicke aus „Smokey Eyes“, dunkelrote Kussmünder und neue Schönheitsideale. Die Stummfilm-Diven liebten großes Drama und trugen dick auf. Doch neben dem verführerischen Vamp gab es ebenso die sportlich schlanke und sonnengebräunte Frau wie das selbstbewusste Partygirl, das im Berlin der 20er-Jahre ganze Nächte lang Charleston tanzte.
Heute bedienen wir uns fast beliebig am Buffet der verschiedenen Modeströmungen. Es gilt der Satz der Schauspielerin Olga Tschechowa: „Make-up ist die Kunst, sich selbst zu plakatieren.“ Da wundert es nicht, wenn eine Grammy-Siegerin und eine ägyptische Königin sich aus dem gleichen Schminktöpfchen bedienen.
Die Namen schöner Dinge
Viele kosmetische Begriffe haben lateinische oder griechische Wortstämme – ein Hinweis auf die enge Verbindung der Schönheitspflege mit der Medizin und deren Fachsprachen Latein und Griechisch. Das von den Franzosen übernommene Wort „Creme“ zum Beispiel stammt vom griechischen Wort „chrisma“ für „Salbe“ ab. Auch die Vornamen „Christian“ und Christiane (für „der oder die Gesalbte“) sind darauf zurückzuführen.
Das Wort „Parfüm“ ist vom lateinischen „per fumo“ („durch den Rauch“) abgeleitet und erinnert an den kultischen Aspekt der Kosmetik. Bei Opferhandlungen oder anderen religiösen Anlässen wurden Weihrauch und andere Gewürze wie Myrrhe, Zimt oder Jasmin verbrannt – der Duft entstand „durch den Rauch“. Das Wort „Seife“ dagegen nahm den umgekehrten Weg: Es lässt sich auf das germanische „saipon“ („das Tröpfelnde“) zurückführen und bezeichnete vermutlich die flüssigen Kaliseifen, mit denen sich Germanen und Gallier die Haare rot färbten. Die Römer importierten mit diesen ersten Seifen auch die Bezeichnung „sapo“ ins Lateinische und es lebt im italienischen „sapone“ und im französischen „savon“ weiter.
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