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Unsere Nase, ein MysteriumUnsere Nase, ein Mysterium

Wie die Welt des Riechens funktioniert, ist bisher kaum entschlüsselt. Lesen Sie, was unsere Nase mit einem Cocktailshaker gemeinsam hat. // Von Bettina Levecke

Manche Gerüche haben die Kraft, uns spontan auf eine Erinnerungsreise zu schicken. Der Duft frisch gekochter Marmelade beispielsweise zurück an den Rockzipfel der Großmutter. Der muffige Geruch feuchten Teppichbodens hingegen in das erste, heiß geliebte eigene Auto. Auch wenn wir alle die gleichen Duftstoffe einatmen, ist die Interpretation ganz individuell. Der eine fühlt sich bei dem Geruch einer frisch gemähten Wiese in die fröhliche Zeit der Jugend zurückversetzt und atmet extra tief ein. Der andere bekommt sofort Kopfschmerz in Erinnerung an leidvolle Heuschnupfen-Exzesse. Die Geruchswahrnehmung funktioniert wie ein Cocktailshaker: Die Basis bilden die eingeatmeten Moleküle, das Gehirn sortiert und meldet, mixt passende Erinnerungen und erlernte Bewertungsmuster dazu. Dem einen schmeckt es, dem anderen nicht.

Ein Rätsel für die Wissenschaft

Obwohl die Nase mitten im Gesicht sitzt, wir zum Mond reisen können und Daten mit Lichtgeschwindigkeit durch Glasfaserkabel schicken: Das, was da biologisch und chemisch genau zwischen Riechorgan, Nerven und Kopf passiert, ist für die Wissenschaftler dieser Welt immer noch ein Buch mit mindestens sechseinhalb Siegeln. Täglich erwärmt, befeuchtet und reinigt die Nase bis zu 10 000 Liter Atemluft. Und lenkt unser Leben: Sie weckt uns, wenn aus der Küche frischer Kaffeeduft strömt, sie lässt uns anhalten, wenn es im Auto nach verbranntem Plastik riecht und erinnert an die nötige Wäsche, wenn die Achsel muffelt. Sie ist Alarmanlage und Steuermodul in einem.

Meeresbrise und Veilchen funktionieren

Wahrnehmen können wir die Geruchsvielfalt der Umwelt dank 350 verschiedener Riechrezeptoren, die in der Nasenschleimhaut sitzen. Nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip docken Geruchsmoleküle an die Rezeptoren, welche wiederum per Stromsignal Meldung ins Gehirn machen. Je stärker diese Meldung, desto größer die Geruchsempfindung. Für welche Moleküle die Rezeptoren bestimmt sind, weiß man bis jetzt nur bei einer guten Handvoll. Meeresbrise ist dabei, Veilchen und Maiglöckchen. Und der bekannte deutsche Geruchsforscher mit den vielen Titeln, Professor Dr. Dr. Dr. Hanns Hatt, der die ersten Riechrezeptoren entschlüsselte, hat keine Ahnung, wie lange es noch mit den restlichen 345 dauern wird – und ob es überhaupt gelingt.

Ein schwieriges Unterfangen, obwohl der Mensch im Vergleich zur Tierwelt kümmerlich ausgestattet ist: Hunde und Katzen haben bis zu 900 Riechrezeptoren, Mäuse und Ratten sogar bis zu 1200. Trotzdem müssen wir sie nicht beneiden. Aus 26 Buchstaben unseres Alphabets lassen sich Millionen von Wörtern bilden. Sätze. Ganze Geschichten. Wie viele Geruchsbotschaften können da erst unsere 350 Riechrezeptoren differenzieren?

Hanns Hatt forscht an der Ruhr-Universität Bochum und will wissen: Wie bestimmt das Riechen unser Leben? Eine kleine Spitze des Eisbergs wurde in den Bochumer Laboren schon freigekratzt. Zum Beispiel diese: Riechrezeptoren gibt es nicht nur in der Nase, sondern auch in Spermien. Die kleinen Samenzellen reagieren auf den Geruch von Maiglöckchen. Vermutet wird, dass die Eizelle einen ähnlichen Duft verströmt und damit die Spermien zu sich lenkt.

Auch in der Prostata wurden Riechrezeptoren gefunden – mit einem Faible für Veilchenduft. Der kommt natürlich in der Prostata nicht vor, aber ein ähnlich aufgebautes Molekül eines Testosteronabbauprodukts. Treffen beide zusammen, stoppt die Zellteilung, auch bei Krebszellen. Veilchenduft als Therapie der Zukunft? Möglich ist es. Dabei gibt es noch viele andere verblüffende Tatsachen aus der Welt des Riechens: Wussten Sie, dass Familienmitglieder sich in ihrem Geruch sehr ähneln? Dass Frauen Männer bevorzugen, die dem Geruch ihres Vaters gleichen? Babys die Brust der Mutter schneller finden, wenn diese Fruchtwasser auf die Warzen streicht und der Körpergeruch von Vegetariern sympathischer wirkt als der von Fleischessern?

Schon jetzt werden erste Filme in Amerika mit Duftbegleitung unterlegt, baut der ADAC in Deutschland kilometerlange Zäune mit einem Wolf-Bär-Mensch-Luchs-Gemisch, um Rehe abzuschrecken, werden Kaufhäuser und Supermärkte kaufmotivierend parfümiert. Und niemand kann erahnen, was die Zukunft noch für Überraschungen bringt. Hoffen wir, dass uns dabei keiner an der Nase herumführt.

BuchtippBuchtipp

Hanns Hatt, Regine Dee:
Das Maiglöckchen-Phänomen.
Alles über das Riechen und
wie es unser Leben bestimmt.
Piper Verlag. 315 Seiten.
19,90 Euro.

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