Tut gut und hilft
Naturkosmetik verwöhnt und pflegt die Haut. Doch die Hersteller fühlen sich mehr als nur unserer Schönheit verpflichtet. Wir stellen drei Anbauprojekte vor, die den Menschen vor Ort eine bessere Lebensperspektive eröffnen. // Von Astrid Wahrenberg
Cashewsaft aus Brasilien
Anbauprojekt der Firma Santaverde, Hamburg
Antonio Silva lächelte auf keinem Foto. Sabine Beer, die Geschäftsführerin von Santaverde, hielt ihren Farmverwalter südlich der Millionenstadt Fortaleza im Nordosten von Brasilien deshalb lange für einen sehr ernsten Mann. Drei Jahre später entstand das erste Bild von einem strahlenden Antonio, umringt von seiner Frau Maria, den 15- und 17-jährigen Töchtern Inez und Tereza und dem 12-jährigen Robertino. Der frühere Landarbeiter hatte sich endlich die ersehnte Zahnarztbehandlung leisten können. „Die Menschen in dieser Region sind extrem arm, es gibt wenig Arbeit. Viele arbeiten als Tagelöhner auf den Farmen der Großgrundbesitzer, auf den Zuckerrohr- und Sojafeldern. Oder sie verdingen sich als Wanderarbeiter im Holzeinschlag im Regenwald“, erklärt Sabine Beer.
Seit 2006 sind der 46-jährige Antonio und seine 44-jährige Frau Maria die guten Geister auf der 800 Hektar großen Farm der deutschen Naturkosmetik-Firma. Sie leben mit ihren Kindern im neuen Verwalterhaus. Der früher arbeitslose Antonio hat auf dem einst verwilderten Gelände mit vielfältiger Flora und den 800 Cashewbaum-Riesen viel zu tun. Erst kürzlich hat er zusätzlich 1000 junge Nusspflänzchen gesetzt. Wenn sich die Cashewapfelfrucht, an der die nierenförmige Cashewnuss hängt, orangerot färbt, beginnt die Erntezeit. Dann packen alle an, denn das Pflücken und schonende Pressen des saftigen Fruchtfleisches ist überwiegend Handarbeit. In Europa ist Cashewsaft so gut wie unbekannt, wir kennen nur die Kerne in der Nussmischung. In Brasilien gibt es den exotischen, süßsauer schmeckenden Saft an jeder Straßenecke zu kaufen. Die Universität im brasilianischen Fortaleza hat den beliebten Fruchtsaft erforscht und herausgefunden, dass er sehr vitamin- und mineralstoffreich ist und vor Antioxidantien nur so strotzt. Diesen guten Eigenschaften verdankt Cashewsaft seine Karriere als Wirkstoff in der Anti-Aging-Serie von Santaverde.
Strenge Sozial-, Fairhandels- und Umweltstandards
Neben dem Verwalterehepaar Maria und Antonio arbeiten in der Saison zwischen fünf und zehn Frauen und Männer aus der Region mit. Sie verdienen hier weit mehr als auf den Feldern der Großgrundbesitzer und sind außerdem sozialversichert. Derzeit durchläuft die Fazenda gerade den Zertifizierungsprozess Fair for Life des anerkannten Instituts für Marktökologie (IMO). Das Programm verlangt strenge Sozial-, Fairhandels- und Umweltstandards. Mit seinem sozialen Engagement wollte Santaverde nicht so lange warten. Zehn Prozent des Reinerlöses von jedem verkauften Produkt der Anti-Aging-Linie spendet Santaverde an die Organisation Caatinga. Das ist ein Entwicklungshilfeprojekt im Nordosten von Brasilien, das sich schwerpunktmäßig um die Stärkung von Mädchen und Frauen kümmert. Frauen sind in Brasilien traditionell häufig benachteiligt. Unter anderem gewährt Caatinga Mikrokredite, mit denen sich die Frauen eine Existenz aufbauen können.
Arganöl aus Marokko
Projektpartnerschaft: i+m Kosmetik, Berlin, mit der Union Femmes de l’Arganeraie, Marokko
Solange Fatima Zerouali denken kann, gewinnen die Frauen in ihrem Stamm aus den steinharten Kernen der Früchte des Arganbaumes ein Öl, das für ihr Volk universelle Bedeutung hat. Arganöl ist für die Amazigh-Berber im Südwesten Marokkos Nahrungsmittel, Hautpflege und manchmal auch Medizin. Seit einigen Jahren hat das Öl den Berberfrauen darüber hinaus ein Stück Freiheit gebracht. Fatima verdient mit der Arganöl-Herstellung doppelt so viel wie ihr Mann: umgerechnet 400 Euro im Monat. Die 45-Jährige finanziert den Haushalt, bezahlt Schulgeld und Kleidung der 13- und 19-jährigen Söhne. Auch ihre persönlichen Einkäufe für Kleidung, Kosmetik oder den Hamam-Besuch bestreitet sie aus eigener Tasche. „Mit meinem Verdienst kann ich mir sogar Ausflüge in die Stadt leisten, Fernsehen für die Familie, Schmuck und andere Extras“, erzählt die zweifache Mutter. Früher habe sie um jeden Dirham ihren Mann oder ein männliches Mitglied der Familie bitten müssen. Die Berberfrau lebte in einer Art geschlossener Gesellschaft mit sehr wenig Kontakt zur Außenwelt.
Gut für den Menschen, gut für die Natur
Fatimas Unabhängigkeit wuchs mit der Gründung der Frauenkooperative Union des Coopératives des Femmes de l’Arganeraie (UCFA) im Jahr 2004. Die Frauen versuchten, ihr noch unbekanntes Arganöl auf eigene Faust zu verkaufen. Doch erst mit der weltweiten Vermarktung durch die Firma Argand’Or kam der Erfolg. Rund 1300 Frauen ernähren mit ihrer Arbeit circa 6000 Menschen in der Arganeraie. Vormittags produzieren die Frauen das handgepresste Öl. Nachmittags, wenn die Kinder von der Schule kommen und zu Mittag essen, drücken sie selbst die Schulbank, um Lesen und Schreiben zu lernen. Sie besuchen Seminare zur Aus- und Weiterbildung und können zu internationalen Messen nach Deutschland, Frankreich und in die USA reisen, wo ihr Arganöl verkauft wird. All das funktioniert deshalb, weil die Frauen ihr handgepresstes Arganöl zu einem guten Preis verkaufen können. Doch der Wettbewerb ist hart. Seit ein paar Jahren gibt es billigeres Arganöl auf dem Markt, das mit industriellen Pressmaschinen entsteht. Die Handarbeit ist mühsam, der Lohn für zwei Tage Arbeit ist ein Liter Öl. Dennoch erklärt Dr. Alexandra Vogel vom Berliner Naturkosmetik-Unternehmen i+m: „Wir haben uns ganz bewusst für die Zusammenarbeit mit der Kooperative entschlossen, weil nur handgepresstes Arganöl eine vollständige Wertschöpfungskette für die an der Rohstoffgewinnung beteiligten Frauen ermöglicht. Würden die Nüsse an eine Raffinerie geliefert, bekämen die Frauen nur einen Bruchteil von dem, was sie jetzt mit ihrem Öl verdienen.“
Die Partnerschaft mit festen Abnehmern sichert die Einkommen tausender Familien. Neben der fairen Zusammenarbeit verspricht sich i+m von der traditionellen Herstellung eine besondere Qualität: „Dieses Arganöl ist durch die schonende Pressung besonders reich an ungesättigten Fettsäuren und E-Vitaminen. Im natürlichen Vitamin-E-Verbund ist besonders viel Gamma-Tocopherol enthalten, das ist ein wichtiger antioxidativer Wirkstoff zur Regeneration reifer, trockener und sensibler Haut“, sagt Alexandra Vogel. Um die Jahrhunderte alte Herstellungsmethode auf einen europäischen Qualitätsstandard zu bringen, hat Initiator Argand’Or ein Lebensmittelmanagement eingeführt, das sicherstellt, dass keine Verunreinigungen ins Öl geraten.
Was gut ist für die Menschen, ist auch gut für die Natur. Die Arganbäume sind vom Aussterben bedroht. Um ihren Bestand zu sichern und eine nachhaltige Bewirtschaftung durch die Kooperativen zu gewährleisten, fließen aus dem Verkauf des Arganöls Gelder in Aufforstungsprogramme.
Rizinusöl aus Indien
Projektpartnerschaft: Dr. Hauschka Kosmetik, Bad Boll, mit der Initiative Satvik, Indien
Diesen Tag vor jetzt sechs Jahren vergisst der indische Bauer Manoj Solanki nicht: Schwarz auf weiß stand auf dem Papier, dass das Rizinusöl aus seiner Ernte die Qualitätsansprüche der Firma Dr. Hauschka erfüllte. Das war der Lohn für viele schwierige Jahre. Die Felder des 48-Jährigen liegen in West-Indien, in der Region Kutsch. In dem erdbebengefährdeten Landstrich nahe der pakistanischen Grenze regnet es wenig und wenn der Monsun kommt, zu viel auf einmal. Weil sich mit konventionellen Bewirtschaftungsmethoden auf dem wüstenähnlichen Boden nur magere Erträge erzielen lassen, begannen einige Bauern umzudenken. Eine kleine Gruppe schloss sich vor 16 Jahren unter dem Dach der Initiative Satvik zusammen. Satvik bedeutet Natur und Reinheit. Die Bauern bewirtschafteten ihre Felder ohne Pestizide und synthetische Dünger. Alles entsprach ökologischen Kriterien, jedoch ohne offizielle Bio-Zertifizierung.
Ein Glücksfall für die Firma Dr. Hauschka, die bislang auf dem Weltmarkt vergebens nach Bio-Rizinusöl für ihre Kosmetik gesucht hatte. Das Unternehmen knüpfte Kontakte und schickte Mitarbeiter nach Indien. Christine Ellinger erzählt: „Wir haben die Bauern finanziell und mit unserer langjährigen Erfahrung unterstützt.“ Mit dieser Vorbereitung klappte die Bio-Zertifizierung der gesamten Anbau- und Verarbeitungskette für Rizinus durch den international erfahrenen Zertifizierer Institut für Marktökologie (IMO) problemlos. Schon zwei Jahre später brachten die indischen Bauern die ersten Traktorladungen mit den braunen, bohnenförmigen Bio-Rizinussamen zum Pressen in die nahe gelegene Ölmühle. Der Bauer Manoj Solanki be-ackert mittlerweile alle seine Böden biologisch. Neben Rizinus kultiviert er 60 verschiedene Baum- und Strauchkulturen sowie Gemüse- und Feldfrüchte, die er in der Region verkauft. Davon kann er seine vierköpfige Familie gut ernähren und die Kinder in die Schule schicken.
Bio-Boom: Immer mehr Bauern steigen um
Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Naturkosmetik-Hersteller, langfristige Abnahmeverträge und faire Preise haben in der Region einen regelrechten Bio-Boom ausgelöst: Inzwischen sind die bäuerlichen Flächen von mehr als 500 Familien und auch die Ölmühle von Nanalal Satra bio-zertifiziert. Der 57-Jährige hat den Betrieb kürzlich mit einer zusätzlichen Produktionslinie nur für Bio-Rizinusöl erweitert. Der Ölmüller zahlt den Bauern für die Saaten Preise, die 15 bis 18 Prozent über dem Marktpreis konventioneller Ware liegen. Mit dem Mehrerlös aus dem Verkauf hat er unter anderem Sozialräume für seine Arbeiter finanziert. Außerdem unterstützt Nanalal Satra Bauern, die auf Bio-Anbau umstellen wollen. Seine Ölmühle produziert jährlich über 100 Tonnen Rizinusöl. Das ist weit mehr als Dr. Hauschka für seine Naturkosmetik benötigt. Abnehmer dafür gibt es reichlich.
| weiterblättern> |
